Eurodram-Auswahl 2024 (In der Originalsprache Deutsch verfasste Stücke)
Zur Einsendung eines Stückes an Wolfgang Barth vieuxloup@t-online.de notwendige Unterlagen:
Das Stück (PDF- oder Word-Format)
Zusätzlich auf gesondertem Blatt (z. B. dieses einfach kopieren und eintragen, ausdrucken, unterschreiben, als PDF einscannen und an o.g. Adresse schicken):
Titel des Stückes: xxx
Autor*in: xxx
Ort und Zeitpunkt der Abfassung: xxx
Kurze Inhaltszusammenfassung (ca.5 bis ca. 10 Zeilen)
Kurze Vorstellung der/des Autor*in und der bisherigen Arbeit
Gegebenenfalls:
Verlag: xxx
Ort und Zeitpunkt der Veröffentlichung: xxx
Lesungen, Uraufführung, Aufführungen: xxx
Förderungen: xxx
Preise und Auszeichnungen.: xxx
Schon übersetzt in folgende Sprache(n) [Datum; Übersetzer*in]:
Hiermit erlaube ich als Rechteinhaber*in, dass das Stück xxx zur Ermittlung der Auswahl Eurodram 2024 innerhalb des deutschsprachigen Komitees weitergegeben werden darf. Es darf für Lesungen im Rahmen von Eurodram-Veranstaltungen kostenlos verwendet werden.
Franziska Muche über das Werk von María Velasco Gonzáles, Ich will die Menschen ausroden von der Erde [Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra], und ihre Arbeit als Übersetzerin.
Das Interview führte Lorena Pircher, Deutschsprachiges Komitee Eurodram, in Graz am 24. Juni 2023 anlässlich der Vorstellung der Stücke der Auswahl 2023 im Rahmen des DramatikerInnenfestivals.
Lorena: Danke für deine Zeit, liebe Franziska und danke für das Interview. Einleitend würde ich gerne fragen, wie du zum Übersetzen generell gefunden hast oder vielmehr wie du – im Besonderen – zum Theater-Übersetzen gekommen bist. Übersetzt du auch Prosa oder primär dramatische Texte?
Franziska: Ich liebäugle zwar gerade mit einem Kurzgeschichtenband, aber eigentlich übersetze ich ausschließlich Theaterstücke und Texte aus dem Umfeld des Theaters, zum Beispiel Artikel für Theaterzeitschriften. Meist übersetze ich Theaterstücke literarisch oder sorge für Übertitelung. Es ist ja oft so, dass die kulturelle Arbeit ein Spagat ist – man hat selten nur ein Standbein. Rein von der literarischen Übersetzung von Theaterstücken könnte ich nicht leben. Bei mir ist die Übertitelung das zweite Standbein, dazu kommt noch die Lesereihe Ambigú im Theater unterm Dach und zunehmend auch das Unterrichten an Hochschulen.
Zur Übersetzung gekommen bin ich durch Zufälle, wie so oft im Leben. Ich habe zuerst in Passau Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika studiert und war innerhalb meines Studiums im Rahmen eines Dreifachdiplomprogramms ein Jahr in London und ein Jahr in Granada. Nach dem Studium bin ich über Umwege in Brüssel gelandet, im Bildungsbereich, und habe mehrere Jahre im Umfeld der EU-Kommission für einen Dachverband europäischer Hochschul- und Bildungsorganisationen gearbeitet. Dann wollte ich eine Pause einlegen und etwas Neues ausprobieren, ich wollte Theater spielen. Und so kam ich an eine Schauspielschule in Berlin, zunächst einmal für ein einjähriges Aufbaustudium.
Während dieser Zeit hat mich ein ehemaliger Kommilitone aus Passau gefragt, ob ich eine Probe-Übersetzung für den Stückemarkt des Berliner Theatertreffens machen könnte, und ich habe ja gesagt. Das Stück des spanischen Autors José Manuel Mora Meine Seele anderswo wurde dann tatsächlich ausgewählt und 2008 in der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele in der Einrichtung von Sebastian Nübling szenisch gelesen. Der Autor kam mit zehn Freunden aus Madrid, wir sind gemeinsam durch die Stadt gezogen und waren zusammen bei der Lesung. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis: diesen Text zu hören, wie er im Raum lebendig wird. Es hat mich sehr berührt und dazu bewogen, weiter zu übersetzen.
Auch die Schauspielschule habe ich weitergemacht, mit dem individuellen Schwerpunkt Dramaturgie und Stückentwicklung. Als ich drin steckte, hat es sich zwar nicht so angefühlt, aber jetzt, aus der Vogelperspektive gesehen, bin ich als Übersetzerin für Theater super ausgebildet: Ich habe ein abgeschlossenes Studium mit Sprachschwerpunkt, über das Dreifachdiplomprogramm einen spanischen Hochschulabschluss als Übersetzerin und Dolmetscherin und eine abgeschlossene Schauspielausbildung. Das bedeutet, dass ich als Theater-Übersetzerin über sehr viel Handwerk verfüge, das mir zugutekommt. Schön ist auch, dass ich José Manuel Mora immer noch übersetze. Er ist der Autor des titelgebenden Stücks der Anthologie spanischer Theatertexte, die wir 2022 herausgegeben haben.
L: Das ist ein wunderschöner Kreis, der sich schließt. Wie gehst du meistens bei Übersetzungen vor? Hast du eine eher intuitive Annäherung an das Stück? Arbeitest du mit Mindmaps und Notizen zu Sprachbildern? Liest du das Stück vorher mehrmals oder gehst du ganz anders vor?
F: Wenn ich kann, lese ich die Stücke vorher nicht. Ich möchte mich unvoreingenommen auf den Text einlassen. Ich glaube, Autor:innen schreiben auch auf unterschiedliche Art und Weise. Es gibt manche, die, wie du sagst, vorher die Struktur anlegen und sich dann vorarbeiten. Andere schreiben intuitiv und strukturieren hinterher. Ich übersetze ja in dem Rahmen, den der:die Autor:in gesteckt hat. Natürlich erfahre ich im Laufe des Stücks Dinge, die ich am Anfang nicht wissen kann, und muss im zweiten und dritten Arbeitsschritt Anpassungen vornehmen. Aber ich schätze die Frische eines Textes, der sich mir nach und nach erschließt. Ich mag dieses Entdecken. Ich kriege auch furchtbar schlechte Laune, wenn ich an so einer Erstfassung sitze, nicht genug Zeit habe und immer wieder abbrechen muss. Ich mag es sehr, in diesen Fluss hineinzugeraten, ich werde dann immer schneller und die Sprache stärker und natürlicher.
L: Das ist sehr interessant, und du kannst beispielsweise auch Dinge, die du dann erst später erfahren hast, die aber vielleicht am Anfang für eine gewisse Stimmung oder einen Subtext wichtig sind oder so, dann in einem zweiten Durchgang einsetzen oder überarbeiten.
F: Ich arbeite immer so, dass ich Ende und Anfang der Textstelle, die ich an einem Tag übersetzt habe, markiere. Bevor ich am nächsten Tag weiterübersetze, gehe ich das noch einmal durch. Meine erste Rohfassung ist also schon einmal lektoriert. Anschließend lasse ich den Text liegen, falls das möglich ist. Oft hat man im Theaterbereich nicht viel Zeit, aber Zeit ist ein ganz wichtiger Faktor, weil man Texte erst nach einer Weile mit Abstand betrachten kann und selbst freier wird. Hier erkenne ich dann, dass dieser und jener Satz noch nicht deutsch klingt, und erlaube mir, mit dem zu spielen, was ich habe, es umzuformen und erst danach noch einmal mit dem Original abzugleichen.
Auf der Herfahrt hatte ich eine ganz besondere Erfahrung. Ich habe schnell gepackt und meinen Computer vergessen. Ich wollte aber unbedingt einen Text des spanischen Duos El Conde de Torrefiel übersetzen, auf den ich mich sehr gefreut hatte. Erst hatte ich einen netten Sitznachbarn, der mir sein iPad geliehen hat, und dann, in Nürnberg, habe ich mir einen großen Studentenringblock gekauft und den kompletten Text auf der Fahrt nach Wien und abends im Heurigen per Hand übersetzt. Das hat großen Spaß gemacht. Es war ein sehr poetischer Text, ein Monolog. Ich hatte eine Begrenzung: Weil der Text im Rahmen einer Installation projiziert werden sollte, durfte er nicht mehr als 55 Zeichen pro Zeile umfassen. Das beeinflusst natürlich die Übersetzungsentscheidung und schließt manche Möglichkeiten von vornherein aus. Immer, wenn ich noch nicht zufrieden war, habe ich mehrere Varianten untereinander geschrieben und erstmal stehen lassen. Jetzt bin ich ganz glücklich, dass ich das auf dem Papier habe. Das Übersetzen per Hand fand ich sehr besonders, es hatte etwas Sinnliches, Taktiles. Und hat in diesem Fall so gut gepasst, weil der komplette Text aus der Perspektive der Erde geschrieben ist, die zu den Menschen spricht – unter anderem über Zeit, Geschwindigkeit, Technik.
Insgesamt arbeite ich, bedingt durch mein Schauspielstudium, auch stark über den Klang, das heißt, ich höre den Text. Wenn ich am Ende das Gefühl habe, die Stimme der Autor:in im Deutschen durchzuhören, weiß ich: Jetzt stimmt es.
L: Ja, das kann ich vollkommen verstehen. Das mache ich auch so, ich lese übersetzte Stellen immer noch mal laut und je öfter man Formulierungen laut ausspricht und verschiedene Variationen ausprobiert, desto mehr Gefühl bekommt man für eine passende Möglichkeit der Übersetzung, die sich rhythmisch und semantisch gut anfühlt. Ich kann diesen, sagen wir einmal, gefühlvollen und intuitiven Zugang sehr gut nachvollziehen.
F: Ich rede auch viel mit den Autor:innen. Auch in diesem Zusammenhang – wie eng man mit den Autor:innen zusammenarbeitet – scheiden sich die Geister. Ich weiß nicht, ob du den Satz schon einmal gehört hast: „Der Text weiß mehr als der Autor“?
L: Den Unterschied zwischen einem sehr textzentrieren und einem eher freierem Zugang finde ich sehr interessant.
F: Ich glaube, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, und jede:r muss das finden, was für ihn/sie persönlich am besten passt. Ich finde die Erfahrung einer spanischen Autorin, die sowohl Theater als auch Prosa schreibt, interessant: Es gibt in Spanien im Theaterbereich regelmäßige Treffen zwischen Autor:innen und Übersetzer:innen, die wie eine Art Speed-Dating organisiert sind. In diesem Kontext hat sie einmal zu mir gesagt: „Meine Prosa-Übersetzer und -Übersetzerinnen, die kenne ich nicht, bis auf den südkoreanischen Übersetzer, der schreibt mir jeden Tag. Aber mit allen Übersetzer:innen meiner Theaterstücke bin ich befreundet.“
Das ist bei mir auch so. Ich bin mit sehr vielen Autoren und Autorinnen, die ich übersetze, befreundet. Für María Velasco, um die es hier mit ihrem großartigen Stück geht, gilt das ganz besonders. Ich kenne sie schon lange, und es hat mich sehr berührt, dass ihre Arbeit mit diesen Preisen ausgezeichnet worden ist, erst in Heidelberg und nun bei Eurodram.
Für die finale Übersetzungsfassung dieses Textes haben wir insgesamt sieben Stunden lang über Zoom gesprochen. Oft sind es dann kleine Nuancen, aber meist geht es um eine Richtungsentscheidung.
Es ist mir wichtig, alles wirklich zu verstehen, Wortspiele, Subtilitäten. Worte haben in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Doppelbedeutungen. Was mache ich, wenn ich nicht alles in die Zielsprache hinüberretten kann? Was ist an dieser Stelle wichtig? Geht es vorrangig um den Sinn, den Rhythmus, das Bild, die Wortschöpfung? Für mich ist es hilfreich, mit den Menschen hinter dem Stück zu reden. Dabei geht es mir nicht darum, mir das Stück erklären zu lassen, es ersetzt auch nicht meine Recherche und die Übersetzungsentscheidung muss letztlich ich treffen. Aber für mich ist es wertvoll, die Stimme der Autorin oder des Autors zu hören, die mich dann in der Arbeit begleitet.
L: Danke dir liebe Franziska, das war ein sehr aufschlussreicher Einblick in deine fantastische Arbeit als Übersetzerin! Gibt es noch etwas, das du hinzufügen möchtest?
F: Eigentlich nur, dass ich die Initiative von EURODRAM großartig finde und mich im Namen von María und in meinem Namen nochmals ganz herzlich für den Preis bedanken möchte, den wir gewonnen haben!
Stefanie Gerhold über das Stück von Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg], und ihre Arbeit als Übersetzerin.
Das Interview führte Lorena Pircher, Deutschsprachiges Komitee Eurodram, in Graz am 24. Juni 2023 anlässlich der Vorstellung der Stücke der Auswahl 2023 im Rahmen des DramatikerInnenfestivals.
Interview mit Stefanie Gerhold über Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg], Berlin 2022
Lorena: Liebe Stefanie, ich bedanke mich sehr bei dir für deine Zeit und dass wir dieses Interview führen können! Gerne wollte ich fragen, ob du mir ein bisschen von deiner künstlerischen Laufbahn erzählen möchtest und wie du zum Übersetzen von Theaterstücken gekommen bist?
Stefanie: Ja, gerne. Ich habe romanische Philologie studiert und im Anschluss einige Jahre große Prosawerke übersetzt. In Berlin, wo ich lebe, gibt es sehr gute Fortbildungsveranstaltungen für Literaturübersetzer:innen wie beispielsweise die Berliner Übersetzerwerkstatt. Dort finden jedes Jahr Übersetzende aus unterschiedlichen Sprachen zusammen, und man bekommt Mentorinnen und Mentoren zugewiesen, um ein Projekt zu erarbeiten. Auch ich habe daran teilgenommen, und in meinem Fall hat ein Kollege aus dem Englischen ein Theaterstück von Oscar Wilde übersetzt und er hatte als Mentor Frank Günther, der leider vor Kurzem verstorben ist. Ich werde nie vergessen, wie dieser großartige Shakespeare-Übersetzer zu uns in die Übersetzer-Werkstatt kam. Er hat den ganzen Raum bespielt mit seinem Vortrag über das Theater-Übersetzen. Und in seiner Leidenschaft, seiner fast körperlichen Art, den Text zu durchleben, da dachte ich nur: Das will ich auch machen. Das war wirklich ein Schlüsselmoment. Ich hatte dann recht bald das Glück, dass ich ein Stück übersetzt habe, das auf den deutschsprachigen Bühnen sehr erfolgreich war, Die Grönholm-Methode von Jordi Galceran, einem katalanischen Dramatiker, der aber auch auf Spanisch schreibt.
Es gab an die 50 Inszenierungen, also ein richtiger Erfolg, genau das, wovon Übersetzende immer träumen. Und ich habe dabei sehr viel gelernt, denn ich habe mir unterschiedliche Übersetzungs-Inszenierungen angeschaut, bei Weitem nicht alle, aber trotzdem habe ich ein Gespür dafür bekommen, wie unterschiedlich der Umgang, die Inszenierung mit einem dramatischen Text sein können.
L: Dieses Offene, also das, wie viel Spielraum ein Text lässt für die Inszenierung bzw. das, was einen guten Theatertext ausmacht, dass er eben Spielraum lässt, das führt mich zu einer nächsten Frage: Welche Besonderheiten bringen dramatische Texte mit sich, eben auch in der Übersetzung und eben dann auch in diesem offenen Raum für die Umsetzung?
S: Das ist eine gute Frage. Denn diese spezifische Offenheit macht meiner Meinung nach den Theatertext erst aus. Es ist ja so: Im Vergleich zu einem Prosatext, wie einem Roman oder einem Essay, stellt er noch nicht das endgültige Kunstwerk dar, denn das entsteht erst, sobald der Text auf einer Bühne von Schauspielerinnen und Schauspielerin zum Leben erweckt wird. Auch wenn dieser Unterschied erst mal rein praktischer Natur ist, wirkt sich das auch sehr aus auf die Art, wie der Text überhaupt gemacht oder gestaltet ist. Das gilt für den Originaltext und aber eben in der Konsequenz auch für die Übersetzung. Theatertexte stellen letztlich Angebote dar. Sie sollen anregen, Fragen zu stellen, ein guter Theatertext soll herausfordern, insbesondere diejenigen, die sie umsetzen und sich selbst einbringen.
Den Theatertexten liegt also eine ihnen eigene spezifische Offenheit inne, würde ich sagen, und die Herausforderung und aber auch das Spannende, wenn man Theatertexte übersetzt, also in eine andere Sprachwelt überträgt, besteht darin, dass man ihre Offenheit bewahrt, dass man die Texte nicht enger macht, als sie im Original sind. Und das klingt einfacher als es ist, glaube ich.
L: Genau, weil Sprachen unterschiedlich funktionieren, sie gehorchen nicht denselben Gesetzen.
S: So ist es, man kann sie nicht eins zu eins übertragen. Es gibt selten so ein direktes Äquivalent und hinzukommt, dass das jeweilige kulturelle Umfeld auch anders ist. Das heißt, die Art und Weise, wie Redewendungen verstanden werden, vor welchem kulturellen und sprachlichen Hintergrund sie verstanden werden, auch das unterscheidet sich, also nicht nur die Textoberfläche, sondern wie Menschen sprechen und was mit den jeweiligen Sprachbildern zum Beispiel an kultureller Identität transportiert wird.
L: Sehr interessant! Gehst du so vor, dass du diese Sprachbilder und Assoziationen festhältst, während du übersetzt? Gehst du auch von dem Gefühl aus, das dir der Text vermittelt, bzw. wie würdest du deine Stufen der Übersetzung oder deine Vorgehensweise beschreiben?
S: Es ist tatsächlich so, dass, wenn ich ein Stück zum ersten Mal lese, bevor ich es übersetze, dass ich mir sofort Notizen mache, dass ich mit dem Bleistift lese und mir Notizen mache, denn es gibt so etwas wie das, was du gerade ansprichst, es gibt so spontane Eingebungen und Assoziationen, die einem einfallen, wenn man noch völlig unverstellt auf den Text blickt, also noch nicht über ihn aktiv nachgedacht und reflektiert hat.
Diese frischen Ideen, die notiere ich mir mit Bleistift ins Original und ich bin oftmals, wenn ich dann später beim richtigen Übersetzen an der Stelle angelangt bin, sehr glücklich darüber, denn oft sind diese ersten Eingebungen so richtige Treffer, nicht immer natürlich und es ist auch nicht so, dass ich diese Ideen kontinuierlich habe. Es sind vielleicht aber genau an so Schlüsselstellen irgendwelche passenden Ideen, wenn z.B. ein Witz vorkommt, der in den beiden Sprachen anders funktioniert oder ein Sprachbild, das nicht ganz rund ist, oder eben sowas Doppelbödiges, also, das ist etwas was mich in Theatertexten ja überhaupt sehr interessiert, Worte, Formulierungen, die diese Doppelkodierungen mit sich bringen, wenn die Dinge flirren und man sie so oder so wenden oder verstehen kann. Also, die Komplexität der Kommunikation, die im Gespräch, wie wir reden, immer da ist, aber eben auch schon in der Sprache angelegt ist.
L: Wenn du übersetzt, stellst du oft Rückfragen oder arbeitest du eher selbstständig bis zum Ende?
S: Ich arbeite tatsächlich erstmal selbstständig, weil ich mir sage, dem Publikum des Originaltextes hilft auch kein Mensch. Der Text muss sich selbst erklären, und ich finde alle Antworten auf meine Fragen im Text. Da bin ich vielleicht ein bisschen radikal, was aber nicht heißt, dass ich nicht dennoch mit den Autoren oder Autorinnen in Verbindung stehe und ihnen Fragen stelle, wenn ich mir in meinem eigenen Sprachgefühl unsicher bin, wenn ich mir einfach selbst nicht traue, weil eben Spanisch nicht meine Muttersprache ist. Es kommt schon vor, dass man große Dinge vermutet, wenn man was nicht so richtig versteht, und irgendwo ein extravagantes Sprachbild sieht, und in Wahrheit ist es ganz einfach und man kennt nur eine in der anderen Sprache gängige Metapher oder Wortkombination nicht.
Da bin ich dann schon auch froh und dankbar, wenn die Autor:innen auskunftsfreudig sind, sind sie eigentlich immer, und helfen können, aber ich bleibe dennoch dabei, dass ich es sehr wichtig finde, diesen Zweikampf mit dem Text erst einmal allein zu führen, und zwar, weil man besser nachdenkt, als wenn man einfach schnelle Abhilfe sucht. Und ich mache auch die Erfahrung, dass die eigentliche Herausforderung doch in der Durchdringung der Möglichkeiten der eigenen Sprache, der Muttersprache, also der Zielsprache einer Übersetzung, liegt. Das, würde ich immer sagen, ist das Schwierigere, und die große Kunst guter literarischer Übersetzungen besteht darin, das auszukosten, was die eigene Sprache kann. Dazu gehört auch, dass man sich traut, sich manchmal ein bisschen zu entfernen. Wir sprachen ja über die verschiedenen Schritte. Es gibt in meinem Fall eine Zwischenphase, in der ich mich mitunter recht weit vom Original entferne, wenn ich wirklich versuche zu überlegen, wie würde ich als Autorin das in meiner Sprache ausdrücken. Welche Sätze, welche Worte würde ich dafür finden können?
Und dann kommt aber ein dritter Arbeitsschritt, der, in dem ich mir das Original wieder heranziehe, das ich dann zwischenzeitlich auch manchmal weglege und nur den Zieltext wirken lasse und ihn reicher mache …
L: … Dimensionen gebe.
S: Genau. Und dann gehe ich nochmal zurück zum Original, und oft passieren dann noch mal erstaunliche Dinge, manchmal gehe ich dann wieder ganz nah ans Original, und denke mir, das ist es schon.
Also oft traut man sich zuerst noch nicht, eine Formulierung so zu lassen, und irgendwie brauche ich dann diesen Zwischenschritt, um dann zu sagen, ja, so wie ich es ursprünglich schreiben wollte, so passt es.
Auch, wenn eine Stelle ein bisschen komisch klingt oder auf den ersten Blick nicht gefällig oder ein bisschen undeutlich oder ein bisschen sperrig, ich erkenne dann, das verträgt der Text und das traue ich mich und das mache ich.
So habe ich auch bei Himmelsweg von Juan Mayorga gearbeitet, einem Text, der mich sehr berührt hat. Bei der Übersetzung war sehr viel Feingefühl, sehr viel Empathie gefragt. Dieser Text hat sehr lange nachgehallt, er ist sehr tief gegangen. An diesem Stück habe ich sehr viel gearbeitet, und es war eine ganz besondere Arbeit, denn dieser Text spricht in seinem spanischsprachigen Original über deutsche Geschichte, über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust und benutzt dabei Vokabular, das eigentlich vom Deutschen ins Spanische übersetzt worden ist. Es ist eine Terminologie, die es erst seit dem Zweiten Weltkrieg gibt, und ich führe diese Worte, die aus dem Deutschen stammen und für die spanische Entsprechungen gefunden wurden, wieder ins Deutsche „zurück“. Daher war das eine besonders interessante, herausfordernde und berührende Arbeit.
Dank der Förderung durch den Deutschen Literaturfonds konnten wir an die Übersetzerinnen der Auswahl 2023 eine finanzielle Hilfe von jeweils 1200 Euro für eine weitere Theaterstückübersetzung aus der Herkunftssprache des Auswahlstückes auszahlen. Die Übersetzungsvorhaben sind im Folgenden aufgeführt. Wir bedanken uns herzlich beim Deutschen Literaturfonds für die Förderung.
Ein Ort wie viele, in einer abgehängten Gegend am Meer. Die Fabriken sind stillgelegt, die Männer frustriert – mit Konsequenzen. Denn wie die offiziellen Zahlen und die Schlagzeilen belegen, nehmen die Fälle von Gewalt gegen Frauen rasant zu. In dem „Turm“ kommen darum einflussreiche Männer und die Wirtschaftsministerin zusammen, um zu beratschlagen, wie sich dieses Problem aus der Welt schaffen lässt. Die eleganteste Lösung lautet schließlich: Die Frauen werden auf eine Insel verbannt. Mit verheerenden Folgen. AUFRUHR ist erschreckend und komisch, gegenwärtig und dystopisch zugleich. Es entlarvt eine patriarchale Gesellschaft, die auf Hierarchien, Machtmissbrauch und Bigotterie gründet, deren Fundamente sich aber bereits in Auflösung befinden. Was auch in der Besetzung angelegt ist, denn alle Rollen sollen von Frauen gespielt werden.
Stefanie Gerhold
Übersetzung aus dem Spanischen:
Max Aub, De algún tiempo a esta parte [Vor nicht allzu langer Zeit]
Die Literarische Agentur Balcells hat bestätigt, dass die deutschsprachigen Rechte an dem Stück frei sind. Zudem kann die Übersetzerin in ihrem Vorhaben auf die Unterstützung der Agentur zählen.
Begründung der Auswahl der Übersetzung siehe unten.
Franziska Muche
Übersetzung aus dem Spanischen in Absprache mit der Autorin:
María Velasco, Primera Sangre [Erstes Blut]
Entstehung/ Publikation: 2021/2023. Verlag: La Uña Rota. Premiere: 24/04/2024, Centro Dramático Nacional (Madrid); Premiere Katalonien: Teatro Nacional de Catalunya, September 2024. Preise: XXXI Premio SGAE de Teatro Jardiel Poncela 2022
Die Übersetzerin verfügt über die Erlaubnis der Rechteinhaberin für die Übersetzung des Stückes ins Deutsche.
Die Übersetzerinnen werden die Übersetzungen mit einem Hinweis auf die Förderinstitution versehen (Deutscher Literaturfonds, vermittelt über das Deutschsprachige Komitee EURODRAM).
Gefördert durch:
Begründung und erläuterung der Übersetzungsentscheidung
Bei der Podiumsdiskussion am 24.06.2023 haben Stefanie Gerhold und Franziska Muche ihre Übersetzungsentscheidungen erläutert. Dokumentation Lorena Pircher.
Stefanie Gerhold
Stefanie Gerhold ist nach längerer Überlegung sehr glücklich, einen Text gefunden zu haben, der sie persönlich wieder zutiefst berührt, der es ermöglicht, „eine nachgeholte Gegenwart umzusetzen”. Es handelt sich um einen Monolog des Schriftstellers Max Aub, der vor bereits 50 Jahren in Mexiko verstorben ist. Aus einer französisch-deutschen jüdischen Familie stammend, die im Ersten Weltkrieg nach Valencia, Spanien, umgezogen ist, hat er Zeit seines Lebens auf Spanisch geschrieben. Der Monolog, den Stefanie Gerhold übersetzen wird und der den Titel “Vor nicht allzu langer Zeit” tragen wird, spielt 1938 in Wien und handelt von Emma, einer Jüdin, die alles verloren hat und nun in einem Theater putzt. Sie erzählt ihre Geschichte.
Dies ist erneut ein Text, der sich intensiv mit dem Holocaust befasst, wie auch “Himmelweg”. Auch Max Aubs Stück wird, wie jenes von Juan Mayorga, für Stefanie Gerhold die Besonderheit haben, dass es aus dem Spanischen in ein “nie geschriebenes deutsches Original” zurückübertragen werden wird, da nationalsozialistische Ausdrücke aus der deutschen Sprache stammen und Max Aub und Juan Mayorga für diese Ausdrücke eines sehr dunklen Kapitels der Menschheitsgeschichte eine gewissermaßen imaginierte spanische Kunstsprache erschaffen mussten.
Franziska Muche
Franziska Muche wird das neue Stück von María Velasco González übersetzen, das auf Deutsch “Erstes Blut” heißen wird, im Spanischen Original “Primera Sangre”. Es behandelt ein sehr aktuelles, ein starkes und tief berührendes Thema: Es geht um einen Mädchenmord, aber auch um ein patriarchales und angstbasiertes Beziehungsgeflecht, das auch autobiographische Züge aus dem Leben der Autorin aufweist.
Die Vorstellung der Stücke der Auswahl 2023 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM fand am 24. Juni 2023 im Rahmen des Dramatiker:innenfestivals Graz „INS OFFENE“ (21.-25. O6.2023) statt. Sie erfolgte in Kooperation des deutschsprachige Komitees EURODRAM (vertreten durch das Koordinator:innenteam Wolfgang Barth, Charlotte Bomy, Galina Klimowa) mit dem Dramatiker:innenfestival (vertreten duch Edith Draxl, künstlerische Gesamtleitung). EURODRAM wurde dabei gefördert vom Deutschen Literaturfonds und Flanders Literature.
Vorgestellt wurden in Anwesenheit von Stefanie Gerhold, Franziska Muche und Freek Mariën die Stücke:
Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg], Madrid 2003; Übersetzung aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold, Berlin 2022 Neofelis Verlag, Berlin 2022 in: F. Muche / C. Heinrich [Hrsg.], Schattenschwimmer, neue Theatertexte aus Spanien; Aufführungsrechte: Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln
María Velasco Gonzáles, Ich will die Menschen ausroden von der Erde [Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra], Madrid 2020, Übersetzung aus dem Spanischen von Franziska Muche, Berlin 2022
Freek Mariën, Der Mann im Tauchanzug [The Wetsuitman], Belgien 2019, Übersetzung aus dem Niederländischenvon Barbari Buri, Deutschland 2020 De Nieuwe Toneelbibliotheek (Original) / Verlag der Autoren (Übersetzung)
Die Vorstellung erfolgte bei zwei identischen „Walks“ um 19 und um 20 Uhr in der Tiefgarage/dem Souterrain der „Vorklinik“. Bei solchen „Walks“ werden die Zuschauer*innen nacheinander zu den drei Darstellungsorten jeweils für eines der Stücke geführt. Auskunft über Regie und Darsteller*innen gibt der Programmauszug am Ende dieser Zusammenfassung. Trotz der späten Stunde nahmen an jedem der Walks etwa 50 Zuschauer*innen teil.
Von 21:30 bis ca. 22:30 fand vor einem kleineren (Fach-) Publikum eine Podiumsdiskussion zu den Stücken, den Darstellungen, den Übersetzungen und damit verbundenen Fragen statt. Moderiert wurde die Diskussion von Christian Mayer (für EURODRAM) und Martin Baasch (für das Dramatiker:innenfestival). Die Stücke vertraten der Autor Freek Mariën (Belgien/Flandern für DER MANN IM TAUCHANZUG) die Übersetzerin Stefanie Gerhold (Berlin, für ICH WILL DIE MENSCHEN AUSRODEN VON DIESER ERDE) und die Übersetzerin Franziska Muche (Berlin, für HIMMELWEG).
Am Ende der Podiumsdiskussion gaben die Übersetzerinnen bekannt, für welche weiteren Übersetzungen sie die zugesprochene Übersetzungsförderung des Deutschen Literaturfonds verwenden werden [Die weiteren Übersetzungen]. Stefanie Gerold und Franziska Muche begründen Ihre Auswahl.
Wir danken Edith Draxl und allen Beteiligten des Dramatiker:innenfestivals für die hervorragende Zusammenarbeit und die Übernahme vieler Kosten, dem Deutschen Literaturfonds für die EURODRAM-Förderung und Flanders Literature für die Reiseförderung für den Autor Freek Mariën.
Wolfgang Barth, Bremen, 7. Juli 2023
English
Presentation of the plays of the selection 2023 of the German-speaking committee EURODRAM at the Dramatiker:innenfestival in Graz on June 24, 2023
The presentation of the plays of the selection 2023 of the German-speaking committee EURODRAM took place on June 24, 2023 in the context of the Dramatiker:innenfestival Graz „INS OFFENE“ (21.-25.06.2023). It took place in cooperation of the German-speaking committee EURODRAM (represented by the coordinator team Wolfgang Barth, Charlotte Bomy, Galina Klimowa) with the Dramatiker:innenfestival (represented by Edith Draxl, artistic director). EURODRAM was supported by the German Literature Fund and Flanders Literature.
The plays presented were:
Juan Mayorga, Himmelweg [Heaven’s Path], Madrid 2003; translation from the Spanish by Stefanie Gerhold, Berlin 2022 Neofelis Verlag, Berlin 2022 in: F. Muche / C. Heinrich [eds.], Schattenschwimmer, neue Theatertexte aus Spanien; performance rights: Hartmann & Stauffacher Verlag, Cologne
María Velasco Gonzáles, Ich will die Menschen ausroden von der Erde [Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra], Madrid 2020, translation from Spanish by Franziska Muche, Berlin 2022
Freek Mariën, Der Mann im Tauchanzug [The Wetsuitman], Belgium 2019, translation from Dutch by Barbari Buri, Germany 2020 De Nieuwe Toneelbibliotheek (original) / Verlag der Autoren (translation).
The presentation of the three plays took place during two identical „Walks“ at 7 pm and at 8 pm in the underground car park/basement of the „Vorklinik“. During such „Walks“, the audience is led to the three performance venues for one of the plays each, one after the other. The program excerpt at the end of this text provides information about the directors and performers. Despite the late hour, about 50 audience members attended each of the Walks.
From 21:30 to about 22:30, a panel discussion on the plays, the performances, the translations and related issues took place in front of a smaller (professional) audience. The discussion was moderated by Christian Mayer (for EURODRAM) and Martin Baasch (for the Dramatiker:innenfestival). The plays were represented by the author Freek Mariën (Belgium/Flanders for DER MANN IM TAUCHANZUG) the translator Stefanie Gerhold (Berlin, for ICH WILL DIE MENSCHEN AUSRODEN VON DIESER ERDE) and the translator Franziska Muche (Berlin, for HIMMELWEG).
At the end of the panel discussion, the translators announced for which further translations they will use the awarded translation grant from the German Literature Fund [Further translations]. Stefanie Gerold and Franziska Muche give reasons for their selection.
Lorena Pircher (German Language Committee) conducted interviews with the translators and the author on 24 June, which we are publishing separately. In the very personal and detailed contributions, Stefanie Gerhold and Franziska Muche describe their work as translators and talk about the translated plays. Freek Mariën comments on his play and many aspects of his work.
We would like to thank Edith Draxl and all those involved in the Dramatiker:innenfestival for their excellent cooperation and for bearing many of the costs, the German Literature Fund for the EURODRAM grant and Flanders Literature for the travel grant for the author Freek Mariën.
Wolfgang Barth, Bremen, July 07, 2023
Das Plakat zeigt die Besetzung der vorstellenden Teams. / Please see the cast of the presentation teams.
Der Abstieg in die Tiefgarage der „Vorklinik“ führte direkt zum ersten Stück des „Walks“. Die Zuschauer:innen setzten sich auf die breite Treppe, die in den zu einer Bühne umfunktionierten Gang mündete. Zwei beeindruckende junge Schauspielerinnen stellten in aneinander anknüpfenden, sich oftmals überlagernden Monologen die Gedanken der Protagonistin dar: Eine junge Frau stellt sich einer patriarchalen, konservativen Gesellschaft durch kraftvolle, eloquente, direkte Anklagen entgegen, die für viele Frauen wie Befreiungsschläge wirken. Die Diskriminierung von Frauen und die Nicht-Anerkennung ihrer Leistungen wurden in verdichteten Szenen anhand der Erfahrungen der Protagonistin deutlich: Nach einer perfekten Präsentation im Rahmen ihrer Promotion wird die Protagonisten vom Prüfungskomitee, das ausschließlich aus Männern besteht, ungerechtfertigt kritisiert, ihre Leistungen werden heruntergespielt. Sie wendet sich mit einem bewegenden Monolog an das Publikum, prangert die strukturelle Benachteiligung von Frauen an und entwickelt Reflexionen über ihr eigenes Aufwachsen und bisheriges Leben. Beim Ortswechsel während der Lesung wurden die Zuschauer:innen selbst zu dessen Bestandteil: Ihren Gang begleiteten Originalaufnahmen von Sprechchören in spanischer Sprache eines Demonstrationszuges zur Durchsetzung von Frauenrechten und gegen Vergewaltiger.
Das zweite Stück des Walks nutzte verschiedene Spielorte der Tiefgarage. Auch hier nahmen Zuschauer:innen direkt und intensiv teil. Sie hatten sich bereit erklärt, Passagen bestimmter Handlungsabschnitte zu lesen, und wurden so Bestandteil des Geschehens. Diese dramaturgische Entscheidung war sehr bewegend, da sie auf einer Metaebene reflektierte, was die Protagonist:innen des Stückes Himmelweg auf grausamste Art und Weise erfahren mussten: Sie mussten auf Leben und Tod eine Rolle spielen, zu der sie von den SS-Soldaten gezwungen wurden, um dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes ein absolut gefälschtes Bild vom Konzentrationslager Theresienstadt zu vermitteln. Sie waren gezwungen, die schrecklichen Gräueltaten der Nationalsozialisten zu verdecken, um nicht sofort zu sterben. Weitere interessante dramaturgische Aspekte der Inszenierung waren Verfremdungen, die durch die Verlagerung der Handlung in einen Fernsehapparat erfolgten, vor dem das Publikum Platz nahm. Die Inszenierung berührte tief und brillierte mit der unkonventionellen Entscheidung, jede Handlung entweder über ein drittes Medium oder über die Zuschauer:innen selbst stattfinden zu lassen. Dies unterstrich das Ringen um Worte und die Schwierigkeit, die Unmenschlichkeit sprachlich zu fassen.
Das dritte Stück des Walks wurde von nur einer Schauspielerin vorgestellt, die sich in ihrer Darstellung brillant auf unterschiedliche Handlungsorte und Geschehnisse bezog, dabei verschiedene Personen spielte und so das anfängliche Rätsel des Vorgangs einer ausdrucksstarken Lösung zuführte. Der Autor erklärte, dass das Stück eigentlich für 3-28 verschiedene Personen geschrieben sei und sich verschiedener Requisiten und Kostüme bediene. Dennoch war die Inszenierung der Lesung mit Nutzung eines limitierten Raumes und nur weniger Requisiten faszinierend und äußerst gelungen. Die Handlung, die sich auf die Suche nach der Identität einer geflüchteten Person (dem „Mann mit dem Tauchanzug“) konzentriert, wurde durch die bewundernswerte Leistung der Schauspielerinintensiv intensiv erfahren. Sukzessive fügten sich verschiedene Handlungsorte, verschiedene Dialoge und unterschiedliche Monologe zu einem großen Ganzen zusammen und boten somit einen multiperspektivischen, mosaikartigen und sozialkritischen Blick auf aktuelle Ereignisse.
Die Podiumsdiskussion
Christian Maywer (EURODRAM), Freek Mariën (Autor), Martin Baasch (Dramatiker:innenfestival), Franziska Muche (Übersetzerin), Stefanie Gerhold (Übersetzerin)
Lorena Pircher hat Elemente der Podiumsdiskussion notiert und dokumentiert:
Während des Podiumsgespräches wurden eine Vielfalt an interessanten Aspekten bezüglich des Schreibens und des Publizierens sowie Übersetzens von Theatertexten aufgegriffen. Es wurden unter anderem die feministischen und höchst gesellschaftsrelevanten Aspekte des Stücks von María Velasco González genauer beleuchtet; Franziska Muche erläuterte, inwiefern dieser Text für die aktuelle, progressive spanische Theaterlandschaft bezeichnend ist.
Dies führte zu einer interessanten Diskussion über die Vielfalt der spanischen Theater- und Literaturbewegungen, die von Autofiktion bis hin zu politischen Essays reichen. Trotz dieser vibrierenden und lebhaften Theaterszene Spaniens veranschaulicht beispielsweise die “Generación emergente”, die sog. aufstrebende Generation, wie schwierig es im Allgemeinen ist, mit Theaterstücken langfristige Sichtbarkeit zu erreichen. Diese Schriftsteller:innen, die in ihren 40er Jahren sind und schon jahrelang erfolgreich Theaterstücke publizieren, und dennoch immer noch als “emergente”, also “aufstrebend” angesehen werden, verweisen auf die Herausforderungen des Theaterstück-Schreibens. Was sich in der spanischen Theaterlandschaft von der deutschen unterscheidet, ist insbesondere, dass es beinahe keine staatlichen festen Ensembles gibt; nichtsdestotrotz aber werden sehr viele Theaterstücke publiziert und es gibt eine sehr aktive und vibrierende Off-Szene sowie eine Theaterbuchmesse, zu der Übersetzer.innen eingeladen werden. Kurzum, Theaterstücke zu schreiben gilt in Spanien als anerkanntes literarisches Genre.
Stefanie Gerhold äußerte ihre Begeisterung über die Inszenierung des von ihr übersetzten Werks “Himmelweg” im Rahmen einer 20-minütigen Umsetzung des ansonsten abendfüllenden Dramas und drückte Anerkennung aus über die dramaturgische Entscheidung, die Zuschauer:innen spontan Mikroszenen lesen zu lassen und sie somit Teil der Inszenierung werden zu lassen. Die Metaebene einer simulierten Realität, eines normal geführten Lebens, das die Insass:innen Theresienstadts spielen mussten, um zu überleben, wurde dadurch aufgegriffen und nochmals auf bedruckende Art und Weise greifbar gemacht.
Zu ihrer Rolle als Übersetzerin befragt, erklärte Stefanie, dass das Übersetzen für das Theater eine sehr vielfältige und interessante Aufgabe darstellt, da der Theatertext an sich noch nicht das finale Kunstwerk ist, sondern ein offenes Angebot, eine offene Oberfläche, die auch in der Übersetzung auf möglichst vielfältige Weise anschlussfähig bleiben sollte. Diese Offenheit des Textes auch in einer neuen Sprache wieder-erschaffen zu können, sei äußerst faszinierend. Dadurch ist, wie Stefanie Gerhold erklärt, eigentlich auch höchste Sichtbarkeit gegeben; die Sichtbarkeit der Übersetzer:innen liegt in den Worten selbst, in den komplexen Umwandlungsprozessen, in den ineinandergreifenden sprachlichen Überlappungen eines jeden übersetzten Textes.
Auch Freek erklärte, dass er die Inszenierung seines Stücks, “Der Mann im Tauchanzug” sehr schätzte und die Inszenierung bewundere, die an nur einer Person hing, obwohl das Stück für 3-28 Schauspieler:innen konzipiert ist (in den meisten Inszenierungen spielen 3 Schauspieler:innen). Die Faszination dieser Inszenierung korreliert mit der beeindruckenden Leistung der im limitierten Raum agierenden Schauspielerin, die beinahe keine Requisiten verwendete, keine verschiedenartigen Kostüme und dennoch durch ihre Stimme jegliche Nuancen und Stimmungen sowie verschiedene Figuren erfahrbar machte.
Freek findet, dass Übersetzer:innen die besten Leser:innen sind, dass sie den Text immer und immer wieder mit neuen Blickwinkeln und durch verschiedene Linsen lesen und Detailfragen stellen, die die eigene Recherche erneut anregen. Außerdem kam die Beobachtung auf, dass Übersetzungen immer eine interkulturelle Überbrückungsarbeit darstellt, dass Übersetzen einen interkulturellen Transferprozess darstellt und sich dadurch bei Übersetzungen natürlich für einen Text auch der kulturelle Rezeptionsraum mit seinen eigenen Konsequenzen ergibt (Zum Beleg: Die Rezeption von Freeks “Der Mann im Tauchanzug” war hinsichtlich der Assoziationen und Erwartungshaltungen, die mit dem Konzept der Polizei verbunden werden, in den USA sehr unterschiedlich zu der in Flandern).
In Spanien wiederum verläuft die Grenze zwischen großen staatlichen Produktionen und der Off-Szene anders, aus dem Siglo de Oro heraus gibt es andere Erwartungen und Erwartungshaltungen des Publikums und der Autor:innen, das Theater wurde anders geprägt und es entwickelte sich aus diesen Ursprüngen eine andere Art des Spielens.
So werden Stücke, die in Spanien sehr ernst genommen werden, von arrivierten Autor:innen in Deutschland oftmals beinahe an der Grenze zum Boulevard wahrgenommen, weil die Erwartungen aus unterschiedlichen Traditionen kommen.
Die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist, diese Kluft der gesamtmenschlichen Kommunikation, ist ein universales Phänomen, das auch erfordert, dass Übersetzer:innen zwischen den Zeilen übersetzen.
Ein sehr gutes Beispiel zum oftmals schwierigen Prozess der passenden Wortfindung wurde von Franziska Muche gegeben: So hat sie sich für ihre Übersetzung von María Velascos Stück, das im Original “Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra” heißt und ein Originalzitat aus der Bibel ist, dafür entschieden, es mit “Ich will die Menschen ausroden von der Erde” zu übersetzen, wobei “talar” “Bäume fällen” bedeutet und dieses Bild des Baums auch sehr wichtig für das gesamte Stück ist. Andererseits gibt es das Bibelzitat auch im Deutschen, wobei das Verb “ausrotten” verwendet wird. Schließlich hat sich Franziska für eine geniale Übertragung entschieden, sie hat das Bibelzitat abgewandelt, das Verb “ausroden” verwendet, was so viel bedeutet wie “mit den Wurzeln ausreißen” und hat dadurch Zitat und das Pflanzliche, das Sinnbild des Baums, gewahrt. Interessant ist auch die Überlegung, wie “hombres” übersetzt werden will, da es gleichzeitig Menschen, Menschheit, aber auch nur Männer bedeuten kann – eine für dieses feministische Stück interessante Doppeldeutigkeit.
Die Erläuterungen von Franziska Muche und Stefanie Gerhold, welche Überlegungen für sie bei der Auswahl zur zusätzlich geförderten Übersetzung eine weiteren Stückes eine Rolle gespielt haben, finden Sie hier.
Die Vorstellung der Stücke der Auswahl 2023 wurde gefördert von: