Besondere Erwähnung 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Special mention 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Jeton Neziraj, Negotiating Peace [ Të negociosh paqen /Negotiating Peace], Prishtina – Shëngjin – Ravenna – Firenze – Bologna – Thessaloniki 2022/2023, Übersetzung aus dem Albanischen von Zuzana Finger, Wilhelmshaven 2023
Der/die Autor*in / The author
Jeton Neziraj (1977) ist der bekannteste kosovarische Dramatiker, Leiter des Qendra Multimedia in Prishtina und Autor von mehr als 30 Theaterstücken, die weltweit aufgeführt werden. In Deutschland wird er von S. Fischer Theater Medien vertreten. https://www.fischer-theater.de/theater/autor/jeton-neziraj/t4255561
Jeton Neziraj (1977) is the best-known Kosovar playwright, director of Qendra Multimedia in Prishtina and author of more than 30 plays that have been performed around the world. In Germany he is represented by S. Fischer Theater Medien. https://www.fischer-theater.de/theater/autor/jeton-neziraj/t4255561
Das Stück / The play
Das Stück ist eine bitterböse Satire über international geleitete Friedensverhandlungen unter Staatsvertretern, die keinen Frieden schließen wollen, aber unter Druck den ihnen vorgelegten Friedensvertrag unterzeichnen. Die beteiligten Figuren werden mit ihren gegenläufigen privaten Interessen dargestellt, und die Frage, wie nach kriegerischen Auseinandersetzungen trotz ungeklärten Gebietsansprüchen und institutionellem Heldenkult ein funktionierender Frieden hergestellt werden kann, bleibt beunruhigend im Raum stehen.
The play is a bitter satire about internationally led peace negotiations between state representatives who do not want to make peace but sign the peace treaty presented to them under pressure. The characters involved are portrayed with their conflicting private interests, and the question of how a functioning peace can be established after armed conflicts despite unresolved territorial claims and institutional hero worship remains disturbingly unresolved.
Zuzana Finger (1959) übersetzte vierzehn Theaterstücke von Jeton Neziraj. Das Kindertheaterstück „Die Windmühlen“ wurde 2018 für den Deutschen Kindertheaterpreis nominiert.
Zuzana Finger (1959) translated fourteen plays by Jeton Neziraj. The children’s theatre play „The Windmills“ was nominated for the German Children’s Theatre Award in 2018..
Besondere Erwähnung 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Special mention 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Luda Tymoshenko, Fünf Lieder aus Polesien [Пʼять Пісень Полісся / Five songs from Polesia], Ukraine 2021, Übersetzung aus dem Ukrainischen von Lydia Nagel, Rostock 2023; Neofelis Verlag, Berlin 2024
Der/die Autor*in / The author
Luda Tymoshenko ist Dramatikerin, Drehbuchautorin, Kuratorin von Theaterprojekten. Ihre Texte wurden an verschiedenen ukrainischen Theatern inszeniert und in mehrere Sprachen übersetzt, das Stück Пʼять Пісень Полісся (dt. Fünf Lieder aus Polesien) wurde auf verschiedenen Festivals ausgezeichnet.
Luda Tymoshenko is a playwright, screenwriter and curator of theatre projects. Her texts have been staged at various Ukrainian theatres and translated into several languages; the play Пʼять Пісень Полісся (Five Songs from Polesia) has won awards at various festivals.
Das Stück / The play
Die fünf Erzählungen, aus denen sich das Stück zusammensetzt, umfassen hundert Jahre Leben im ukrainischen Polesien. Es ist ein Landstrich, wo geheimnisvolle Wälder, grüne Sümpfe und unterirdische Schätze die unheimlichen Geschichten der Menschen bergen, die hier nicht nur gelebt, sondern unter schweren Bedingungen vor allem überlebt haben. Das erste Lied spielt 1940 auf dem Bauernhof eines älteren Paares, das zweite Lied 1959 in einer Gefängniszelle, in der ein wegen Mordes angeklagter junger Mann einsitzt, das dritte Lied 1973 in einem Badehaus als Dialog zweier Frauen Mitte Vierzig. Das vierte Lied spielt 1997 in einer verlassenen Kaserne, in der zwei Teenager eine Entführung simulieren, und das fünfte Lied letztendlich in unserer Gegenwart, 2020, in einem Dorfladen, wo zwei junge Rucksacktouristinnen auf die einheimische Bevölkerung treffen.
The five stories that make up the play span a hundred years of life in Ukrainian Polesia. It is a region where mysterious forests, green swamps and underground treasures harbour the eerie stories of the people who not only lived here, but above all survived under difficult conditions. The first song is set in 1940 on the farm of an elderly couple, the second song in 1959 in a prison cell where a young man accused of murder is being held, the third song in 1973 in a bathhouse as a dialogue between two women in their mid-forties. The fourth song is set in 1997 in an abandoned barracks where two teenagers simulate a kidnapping, and the fifth song finally takes place in our present day, 2020, in a village shop where two young female backpackers meet the local population.
Lydia Nagel lebt als freiberufliche Übersetzerin und Slawistin in Berlin, sie übersetzt aus verschiedenen slawischen Sprachen ins Deutsche, vor allem zeitgenössische Dramatik. Ihre Übersetzungen wurden mit diversen Arbeits- und Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Zahlreiche Stückempfehlungen und Übersetzungen für verschiedene Verlage, Theater und Festivals; Leitung von Übersetzungsworkshops im In- und Ausland.
Lydia Nagel is a freelance translator and Slavicist living in Berlin. She translates from various Slavic languages into German, primarily contemporary drama. Her translations have been honoured with various work and residency scholarships. She has recommended and translated numerous plays for various publishers, theatres and festivals and has led translation workshops in Germany and abroad.
Auswahl 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Selection 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Hadar Galron, Pfeifen [שריקה / Whistle], Tel Aviv 2018, nach einer Erzählung von Jacob Buchan, Übersetzung aus dem Hebräischen von Matthias Naumann, Berlin 2023
Der/die Autor*in / The author
Jacob Buchan ist Prosaautor, die Erzählung basiert auf autobiografischen Erfahrungen mit seiner Mutter, die als Mengeles Sekretärin in Auschwitz arbeiten musste. Hadar Galron hat die Bühnenfassung geschrieben. Sie ist eine erfahrene israelische Dramatikerin, die zahlreiche Theaterstücke veröffentlicht und zumeist selbst inszeniert hat; zudem arbeitet sie als Schauspielerin und unterrichtet an Schauspielschulen.
Jacob Buchan is a prose writer, the story is based on autobiographical experiences with his mother, who had to work as Mengele’s secretary in Auschwitz. Hadar Galron wrote the stage version. She is an experienced Israeli playwright who has published numerous plays and directed most of them herself; she also works as an actress and teaches at drama schools.
Das Stück / The play
Der Monolog für eine Schauspielerin handelt von Tami, Tochter von Shoah-Überlebenden, die ein Leben lang unter dem Trauma der Eltern gelitten hat. Nun ist sie 45, ihr Mann verstorben, und zum ersten Mal sucht sie nach einem Weg, ihr Leben zu finden. Auf eindrückliche Weise verhandelt das Stück Fragen des transgenerationellen Traumas und wie sich die Erzählungen und Bilder der Shoah in den Lebenswegen der zweiten Generation weiter auswirken.
The monologue for an actress is about Tami, the daughter of Shoah survivors, who has suffered from her parents‘ trauma all her life. Now she is 45, her husband has died, and for the first time she is looking for a way to find her life. In an impressive way, the play deals with questions of transgenerational trauma and how the stories and images of the Shoah continue to affect the lives of the second generation.
Matthias Naumann ist Autor und Übersetzer von Theatertexten sowie Verleger. Er übersetzt aus dem Hebräischen, u.a. Hanoch Levin, Maya Arad Yasur, Noa Lazar-Keinan, Hadar Galron, Joshua Sobol und Yonatan Levy. www.matthias-naumann.de
Matthias Naumann is an author and translator of theatre texts as well as a publisher. He translates from Hebrew, including Hanoch Levin, Maya Arad Yasur, Noa Lazar-Keinan, Hadar Galron, Joshua Sobol and Yonatan Levy. www.matthias-naumann.de
Auswahl 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Selection 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Tomáš Ráliš, Sorex [Sorex / Sorex], Prag 2020, Übersetzung aus dem Tschechischen von Maira Neubert, Berlin 2023
Der/die Autor*in / The author
TOMÁŠ RÁLIŠ ist Dramatiker und Regisseur in der Tschechischen Republik mit abgeschlossenem Studium der Theaterregie an der DAMU in Prag. Er ist der einzige dreifache Gewinner des renommierten Evald-Schorm-Preises für junge Dramatiker. Dieser goldene Hattrick umfasst die Stücke „Sorex“, „20/21“ und „Spotřeba druhu / Consumption of the Species“. Sein Debütstück „Safety Belts“ wurde mit einem Stipendium der Tisch School of the Arts in New York ausgezeichnet, das ihm den Besuch von Kursen an der Playwrights Horizons Theater School ermöglichte. Derzeit arbeitet er an mehreren neuen Stücken in kreativen Projekten: Fabulamundi.Playwriting Europe unter der Schirmherrschaft von Divadlo Letí, Drama Revival, organisiert vom Tschechischen Theaterinstitut, und in Residenz am Nationaltheater in Prag im Studio für Neues Drama. Im Jahr 2023 stellte das Forum Drama Panorama Tomáš Ráliš mit einer szenischen Lesung einer Übersetzung seines Stücks Sorex von Maira Neubert bei den Neuen Übersetzungen internationaler Dramatik in Berlin vor. Im selben Jahr erhielt er den Preis des Ministers für Bildung, Jugend und Sport für herausragende Studierende und Absolventen für seine hervorragenden akademischen Leistungen und zahlreichen Erfolge im Bereich Theater. 2024 gewann er den Preis der tschechischen Theaterkritiker als „Talent des Jahres 2023“ und begann, sich als Dramatiker und Regisseur auf der internationalen Bühne zu etablieren. Er war einer der ausgewählten Autoren, die am renommierten Internationalen Workshop des Obrador d’estiu in der Sala Beckett in Barcelona teilnahmen, wo sein Werk im Rahmen des GREC-Festivals in einer szenischen Lesung auf Katalanisch präsentiert wurde.
TOMÁŠ RÁLIŠ is a playwright and director from the Czech Republic, a recent graduate of Prague’s DAMU in theatre directing. He is the only three-time winner of the prestigious Evald Schorm Prize for Young Dramatists. This golden hattrick include plays Sorex, 20/21, Spotřeba druhu / Consumption of the Species. His debut play Safety Belts was awarded by a scholarship at the Tisch School of the Arts in New York, which allowed him to attend classes at Playwrights Horizons Theater School. Currently working on several new plays in creative projects: Fabulamundi.Playwriting Europe under the auspices of Divadlo Letí, Drama Revival organized by the Czech Theatre Institute and in residency at the National Theatre in Prague called Studio for New Drama. In 2023, the Drama Panorama forum introduced Tomáš Ráliš with a staged reading of a translation of his play Sorex by Maira Neubert at the Neue Übersetzungen internationaler Dramatik in Berlin. In the same year, he received the Award of the Minister of Education, Youth and Sports for Outstanding Students and Graduates for his excellent academic results and numerous achievements in the field of theatre. In 2024 he won the Czech Theatre Critics‘ Award for Talent of the Year 2023 and began to establish himself on the international stage as a playwright as well as a director. He was one of the selected authors who participated in the prestigious International Workshop of the Obrador d’estiu at the Sala Beckett in Barcelona, where his work was presented in a stage reading in Catalan as part of the GREC festival.
Das Stück / The play
Sorex – zu deutsch: Waldspitzmaus – spielt in der deutsch-tschechischen Grenzregion. Ein ausländisches Gastarbeiter-Paar arbeitet und lebt unter prekären Bedingungen in einem ausländerfeindlichen Milieu. Gleichzeitig wird die Ehe eines tschechischen Paares, das in der Arbeiterunterkunft arbeitet, erzählt. Auch sie leben prekär, das Eheleben ist zerrüttet. Der dumpfe Hass gegen die ausländischen Arbeiter ist der Unterton ihres Alltags. In parallelen Szenen versuchen Spitzmäuse verzweifelt, sich am Leben zu erhalten. Sie müssen täglich ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichts an Nahrung finden, um zu überleben. Eine Metapher auf das tägliche Ringen der Arbeiter*innen. Als Frema, die Arbeiterin, nach einem schweren Unfall ins Krankenhaus kommt, stürzt sich ihr Mann in das Nachtleben der Stadt, das von Rotlicht und Drogen geprägt ist. Auch die tschechische Frau, Hema, geht aus, nachdem sie ihren Mann verlassen hat. Das Stück strebt rauschhaft seinem Höhepunkt entgegen, die beiden begegnen sich. Mit fatalen Folgen.
Sorex – in English: shrew – is set in the German-Czech border region. A couple of foreign guest workers work and live under precarious conditions in a xenophobic environment. At the same time, the film tells the story of the marriage of a Czech couple who work in the workers‘ accommodation. They also live precariously, their married life is broken. The dull hatred against the foreign workers is the undertone of their everyday life. In parallel scenes, shrews desperately try to keep themselves alive. They have to find food many times their own body weight every day in order to survive. A metaphor for the daily struggle of the workers. When Frema, the worker, is hospitalised after a serious accident, her husband throws himself into the city’s nightlife, which is characterised by red light and drugs. The Czech woman, Hema, also goes out after leaving her husband. The play reaches its ecstatic climax as the two meet. With fatal consequences.
MAIRA NEUBERT studiert slawische Sprachen und Literaturen mit Tschechisch als Studiengangsprache an der Humboldt Universität Berlin. Im Rahmen einer Ausschreibung der Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag (DAMU) hat sie Sorex, das in Tschechien den Evald Schorm Schorm Preis gewonnen hatte, ins Deutsche übersetzt. Seither ist sie übersetzerisch tätig. Sorex und ein weiteres Stück einer tschechischen Autorin wurden im Rahmen von Theaterfestivals in Berlin szenisch aufgeführt. Im Moment übersetzt sie ein neues Stück von Tomáš Ráliš, das 2026 in einer Anthologie tschechischer Gegenwartsstücke im Neofelis Verlag erscheinen wird. Neben ihrem Studium arbeitet Maira Neubert für den TV Sender Deutsche Welle.
MAIRA NEUBERT studies Slavic languages and literatures with Czech as a degree programme language at the Humboldt University of Berlin. She translated Sorex, which won the Evald Schorm Schorm Prize in the Czech Republic, into German as part of a competition organised by the Theatre Faculty of the Academy of Performing Arts in Prague (DAMU). She has been working as a translator ever since. Sorex and another play by a Czech author have been staged at theatre festivals in Berlin. She is currently translating a new play by Tomáš Ráliš, which will be published in an anthology of contemporary Czech plays by Neofelis Verlag in 2026. Alongside her studies, Maira Neubert works for the TV broadcaster Deutsche Welle.
Anlässlich der Premiere des Stückes GÖTTERSPIEL [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods] am 30. Mai in der Regie von Elmo Nüganen in Tallin führte Laur Kaunissaare, Chefdramaturg des Russischen Theaters in Estland, ein Interview mit Wolfgang Barth (EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e. V.) über eines der Auswahlstücke 2025 des deutschsprachigen Komitees:
Marius Ivaškevičius, Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods], Vilnius 2022; Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher, Wien 2024
Laur Kaunissaare: Wie und aus wie viel Stücken wurde „Götterspiel“ europaweit ausgewählt?
Wolfgang Barth: In diesem Jahr (Einreichung von übersetzten Theaterstücken in die Komitees der jeweiligen Zielsprachen des Gesamtnetzwerkes EURODRAM https://eurodram.org/ ) wurden 373 Texte in 16 Sprachenkomitees eingereicht. Die jeweils drei Auswahlstücke stammten aus insgesamt 21 Ursprungssprachen: https://eurodram.org/2025-selections/ .
Das von von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher aus dem Russischen ins Deutsche übersetzte Stück von Marius Ivaškevičius, Götterspiel, wurde entsprechend ins Deutschsprachige Komitee EURODRAM eingereicht. Es wurde unter 30 eingesandten Stücken aus 14 Ursprungssprachen (Albanisch, Bulgarisch, Dänisch, Englisch, Flämisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Kroatisch, Ladinisch, Russisch, Schweizerdeutsch [Bern], Tschechisch und Ukrainisch) in die AUSWAHL 2025 gewählt (https://eurodram.dev.goyippi.net/ ).
Von den derzeit 25 Mitgliedern des Komitees waren 17 aktiv an der Jury beteiligt und erstellten eine Shortlist. Dazu wird jedes Stück von mindestens drei Mitgliedern gelesen. Die Stücke der Shortlist müssen von allen an der Auswahlentscheidung beteiligten Mitgliedern gelesen werden. An dieser Entscheidung nach einem Punktesystem und nach eingehender Diskussion waren in diesem Jahr 14 Mitlieder beteiligt.
Die Stärke des Auswahlkomitees beruht auf der Vielzahl der Qualifikationen der in unterschiedlichen Theaterbereichen tätigen Mitglieder (https://eurodram.dev.goyippi.net/about/), die in der Auswahl zum Tragen kommen. Dabei bleibt jedes Mitglied unangefochten autonom. Die folgenden Antworten stellen also die persönliche Meinung des Interviewpartners dar, der das Auswahlverfahren koordiniert hat.
LK: Was zählt für Sie als eine besondere Qualität dieses Stückes?
WB: Bei der Bewertung hatte ich mir notiert: „Alleine schon wegen des dokumentarischen Wertes ein Muss. Überzeugend durch die Sprache und durch die von den Frauen verkörperte Thematik“ / „Der Dokumentar-Hauptteil in Mariupol ist eingebettet in eine fiktive Theaterinszenierung (Casting; Zuteilung der Rolle Annas zu mehreren Schauspielerinnen; Kommentare, Spannungsfeld „Stimme“ und Schauspielerinnen)“ / „Thematik: Rolle der Frau im Theater und in der Gesellschaft, besonders im Krieg: Ausbeutung, Vergewaltigung, Abhängigkeit“ / „Die Mariupol- [und Flucht-]szenen sind in ihrem Grad der Realitätswiedergabe sehr bewegend, grausam und kaum auszuhalten.“
Die besondere Qualität des Stückes geht aber darüber hinaus: Es bringt die Szenenbereiche Theater und Krieg bezüglich der Gewalts- und Missbrauchsverhältnisse auf einen gemeinsamen Nenner. Theater: „Das ist Macht! Perfide Macht.“, S.6. Krieg: „Ich kenne nur einen, wenn er denn existiert, der so agiert – der mit der einen Hand tötet, mit der anderen Leben schenkt. Aber hier geht es um Macht. Grenzenlose Macht.“, S. 81. Die Rollenverteilung ist klar und zeigt sich auf der Opferseite im grausamen Schicksal Mantas, im Alptraum Annas aus ihrer Kindheit, der dann in Mariupol Wirklichkeit wird, oder im „Penissee-Traum“ der Schauspielerin Sa oder im „Putin-Traum“ der Schauspielerin Na einerseits, andererseits auf der Täterseite z. B. im perfiden Lügenspiel des Kommandanten mit Anna auf einem „höheren“ Level als dem des physischen Missbrauchs: „[…] du [hast] zwei Personen … Eine versteckst du im Keller, die andere rennt im Kugelhagel hin und her und sucht sie.“ Die Opfer sind in der Regel weiblich: „Diese ganze Gewalt … die Gewalt gegenüber Frauen im Krieg. Und nicht nur im Krieg – im Krieg nimmt sie nur ganz andere Dimensionen an.“, S. 83.
Eine weitere Qualität liegt im Aufbau und der Grundidee der Strukturierung: Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob wir uns bei der Theaterprobe oder im Kriegsbericht befinden, und so stellt sich automatisch die Frage nach der Rolle und den Wirkungsmöglichkeiten des Theaters angesichts der Gewalt: „Wenn einer in der Hölle beschließt, Theater zu spielen, warum kann das Theater ihn dann nicht entlarven?“, S. 79.
LK: Das Stück erzählt über den Krieg in der Ukraine, über die Möglichkeit zur Liebe in Zeiten des Krieges. Wie leben in einer sehr audiovisual geprägten Zeit. Gibt es besondere Herausforderungen oder Nuancen beim dramaturgischen Darstellen von Gewalt und Krieg im Theater?
WB: Die besonderen Herausforderungen werden im Stück z. B. von der „Stimme“ direkt benannt: „Eine Nacherzählung […] funktioniert in diesem Krieg nicht. Die Leute machen Selfies und sterben im Livestream. Das ist ein Krieg, in dem die Flugbahn jeder einzelnen Kugel von allen Seiten gefilmt wird.“, S. 16. Das daraus folgende Postulat an das Theater: „[Du bist] mittendrin und spürst diesen Horror am eigenen Arsch … und zwar so, dass wir deine Pisse riechen. Und den nassen Fleck auf deinem friedlichen Hintern sehen.“
Wie weit soll dieses Postulat gehen? Obwohl ich keine Vorliebe für das „In-Yer-Face Theatre“ habe, muss ich zugeben: Nichts ist mir so sehr im Gedächtnis geblieben wie die fürchterlichen Szenen in Natalka Vorozhbyts ukrainischem Film Bad Road oder die drastische Beschreibung des Ertrinkens im Stück L’Homme qui flotte dans ma tête der französischen Autorin Veronika Boutinova oder die schonungslos realistische Beschreibung der Misshandlungen und Verletzungen der Opfer sexueller Gewalt im Stück „J’avais un vagin en forme de cœur“ derselben Autorin.
Ich mache mir ihren Satz zu eigen: „Wenn man davon nicht spricht, wenn man nicht hinsieht, werden die Opfer noch einsamer und noch mehr sich selbst überlassen sein.“
Nuancen und Haltung sind aber notwendig. Hannah Ahrendt sagt: „Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.“ Es ist eine besondere Qualität des Stückes, im „Putin-Traum“ ebenso von diesem „Pilz“ zu sprechen, dann aber, als der Diktator sich plötzlich zum betroffenen Kind verwandelt, zu resümieren: „Ich glaube, wenn wir alle unsere Menschlichkeit verlieren, dann … Dann wird das Böse siegen. Und auch wenn ich weiß, dass die Ungerechtigkeit und Brutalität momentan einfach astronomische Ausmaße annehmen, kann ich mir das nicht erlauben.“, S. 91. Marius Ivaškevičius trifft sich hier mit Maya Arad Yasur, deren Stück „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“ (Leseliste für die Auswahl 2025) diesen Aspekt nicht außer Acht lässt.
LK: Elon Musk sagte neulich, Empathie sei überbewertet. Wahrscheinlich gibt es viele Menschen, die Erschöpftheit, Müdigkeit empfinden vom Mitgefühl, auch Kriegsmüdigkeit. Was kann Theater in diesem Zusammenhang, was andere Kunstarten nicht können?
WB: Der Aussage Elon Musks steht ein Satz Hannah Ahrendts gegenüber: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade in Barbarei verfällt.“ In dieser Auseinandersetzung haben Theater und audiovisuelle Medien, wenn sie gut sind, die besondere Fähigkeit, im unmittelbaren Erleben eine Nähe zum Gezeigten herzustellen, die Voraussetzung für das Verstehen und Empathie sind. Es werden über die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten bedeutungsvolle Aussagezusammenhänge unmittelbar erschlossen, die wirkungsvoller als abstrakte Erläuterungen sind und Lügen als solche direkt erkennbar machen. Wenn Musks gefährliches Handeln internationale Ausmaße annimmt, muss das Theater in gleicher Weise dagegen wirken: Die Übersetzerinnen Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher haben dazu durch ihre Übersetzung von „Götterspiel“ ins Deutsche einen wesentlichen Beitrag geleistet.
Laur Kaunissaare, Tallin Wolfgang Barth, Bremen 01.04.2025
Auswahl 2025 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM: Verein für Theater und Übersetzung e.V. / Selection 2025 of the German-speaking EURODRAM committee
Marius Ivaškevičius, Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens [Voskhod bogov / Восход богов / Rise of the Gods], Vilnius 2022; Übersetzung aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, Johanna Marx und Claudia Zecher, Wien 2024
Der/die Autor*in / The author
Marius Ivaškevičius, geboren am 26. März 1973. Schriftsteller, Dramatiker und Filmregisseur. Seine Stücke wurden in Litauen, Russland, Italien, Frankreich, Polen, Finnland, Lettland, Estland, Tschechien, Rumänien und Neuseeland aufgeführt und von folgenden Regisseuren inszeniert: Kirill Serebrennikov, Oskaras Korshunovas, Rimas Tuminas, Mindaugas Karbauskis, Arpad Shilling, Aleksandar Popovski u.a.
Marius Ivaškevičius, born March 26, 1973, is a writer, playwright and film director. His plays have been performed in Lithuania, Russia, Italy, France, Poland, Finland, Latvia, Estonia, the Czech Republic, Romania and New Zealand and have been directed by Kirill Serebrennikov, Oskaras Korshunovas, Rimas Tuminas, Mindaugas Karbauskis, Arpad Shilling, Aleksandar Popovski and others.
Das Stück / The play
„Götterspiel – Theatrale Untersuchung eines Kriegsverbrechens“ ist der Versuch über Krieg und Gewalt aus der Sicht von Frauen zu erzählen. Die Handlung des Stückes beschreibt die Reise des litauischen Filmregisseurs Mantas Kvedaravicius und seiner Frau Anna im März 2022 nach Mariupol, wo Mantas verhaftet und ermordet wird. Nach einer langen und dramatischen Suche findet Anna Mantas‘ Leichnam und bringt ihn zurück nach Litauen, mit im Gepäck hat sie das gesamte in der Ukraine gedrehte Filmmaterial. Der Dokumentarfilm „Mariupolis 2″ von Mantas K vedaravicius wurde posthum bei den Filmfestspielen in Cannes zum ersten Mal gezeigt.
„Götterspiel – Theatrical Investigation of a War Crime“ is an attempt to tell a story about war and violence from the perspective of women. The plot of the play describes the journey of Lithuanian film director Mantas Kvedaravicius and his wife Anna to Mariupol in March 2022, where Mantas is arrested and murdered. After a long and dramatic search, Anna finds Mantas‘ body and brings him back to Lithuania, taking all the film footage shot in Ukraine with her. The documentary film „Mariupolis 2“ by Mantas K vedaravicius was shown posthumously for the first time at the Cannes Film Festival.
Förderungen, Preise / Grants, awards
Vier seiner Stück erhielten den Best Lithuanian Play award (2002, 2004, 2011, 2015), eines den russischen Theaterpreis Goldene Maske (2017).
Four of his plays were awarded the Best Lithuanian Play Prize (2002, 2004, 2011, 2015), one of them the Russian theater prize Golden Mask (2017).
Ruth Altenhofer: Geboren 1979, in Wien Slawistik studiert, 2005 bis 2010 bei Caritas und Rotem Kreuz angestellt, Zwillinge bekommen, freiberufliche Übersetzerin seit 2015. übersetzt für Diogenes Sasha Filipenko und seit 2016 laufend journalistische Texte für Dekoder und anderes.
Born in 1979, studied Slavic studies in Vienna, employed by Caritas and the Red Cross from 2005 to 2010, had twins, freelance translator since 2015, translates Sasha Filipenko for Diogenes and has been translating journalistic texts for Dekoder and others since 2016.
Johanna Marx: Geboren 1979, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin, übersetzt u.a. Andrej Kurkow für den Diogenes Verlag (gemeinsam mit Claudia Zecher). Seit 2011 Länderreferentin bei ACCORD/Österreichisches Rotes Kreuz, seit 2022 Recherchekoordinatorin ebd.
Born in 1979, studied at the Centre for Translation Studies at the University of Vienna (Russian, Spanish). Freelance translator and interpreter since 2010, translates Andrej Kurkow and others for Diogenes Verlag (together with Claudia Zecher). Since 2011 country liaison officer at ACCORD/Austrian Red Cross, since 2022 research coordinator ibid.
Claudia Zecher: Studium am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung, Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 1996 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin, arbeitet seit 1997 bei der IG Übersetzerinnen Übersetzer, seit 1998 Lektorin am Zentrum für Translationswissenschaft. übersetzt u.a. Andrej Kurkow für den Diogenes Verlag (gemeinsam mit Johanna Marx).
Studied at the Institute for Translator and Interpreter Training, University of Vienna (Russian, Spanish). Freelance translator and interpreter since 1996, has worked for IG Übersetzerinnen Übersetzer since 1997, lecturer at the Centre for Translation Studies since 1998. Translates Andrei Kurkov, among others, for Diogenes Verlag (together with Johanna Marx).