
Foto (Max Aub): Agencia Litteraria Carmen Balcells, Barcelona (Zusendung 15.03.2024)
Dank der Förderung durch den Deutschen Literaturfonds konnten wir die Übersetzerinnen der Auswahl 2023, Stefanie Gerhold, Franziska Muche und Barbara Buri bitten, eine weitere Übersetzung aus der Sprache ihres Stückes der Auswahl ins Deutsche anzufertigen. Das Stück findet sich jetzt im Programm des Verlages Hartmann u. Stauffacher.
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Stefanie Gerhold hat mit dem Stipendium ein besonderes und sehr persönliches Übersetzungsvorhaben verwirklicht. Vor etlichen Jahren, bei ihrer Übersetzung des Romanzyklus’ DAS MAGISCHE LABYRINTH von Max Aub, für die sie zusammen mit ihrem Mann Albrecht Buschmann den Übersetzerpreis der Spanischen Botschaft in Deutschland bekam, entdeckte sie Max Aubs Theatermonolog ICH WILL KEINEN TROST VON NIEMANDEM aus dem Jahr 1939. Dieser Text stellt eines der frühesten literarischen Dokumente über den Holocaust dar. Nun liegt dieses lange vergessene Werk zum ersten Mal auf Deutsch vor. Stefanie Gerhold schreibt damit ein Stück Literaturgeschichte.
Erzählt wird die Geschichte der Wiener Jüdin Emma, die sich nach der Enteignung der Firma ihres ermordeten Manns mit einem Job als Putzfrau in einem Theater durchschlägt. Ihr Monolog setzt ein, nachdem die Vorstellung zu Ende ist. Emma putzt die leere Bühne und erzählt ihrem verstorbenen Mann von den Ungeheuerlichkeiten, die sie täglich erlebt, darunter die Reichspogromnacht.
In ihrem ausführlichen Vorwort erläutert Stefanie Gerhold, was aus heutiger Sicht diesen Text ausmacht:
„[…]Das Besondere an diesem Text ist seine Unmittelbarkeit. Sie entsteht gleich auf zweifache Weise. Nicht nur blickt Emma auf die Geschehnisse aus nächster Nähe, Max Aub selbst hat diesen Text nur geringfügig zeitversetzt zu den historischen Ereignissen geschrieben. Im Jahr 1939, als er in Paris Emmas Monolog verfasste, lag das, was die europäischen Juden in der horrenden Vollendung erwartete, noch in der Zukunft. Die Wannseekonferenz hatte noch nicht stattgefunden, die Endlösung war noch nicht beschlossen, die Vernichtungsmaschinerie noch nicht in Gang gesetzt.
Als Ahnung aber ist alles das in diesem Text bereits vorhanden. Die allegorischen Bilder, die ihn durchwirken, lassen uns kaum eine andere Möglichkeit, als Emmas Entrechtung, ihre schrittweise Auslöschung als Bürgerin, als juristische Person und zuletzt als Mensch in Gedanken fortzusetzen. Jedenfalls gilt das für uns, die wir um den Fortgang der Geschichte wissen. Die Beklemmung, ausgelöst von unserem Wissensvorsprung, grundiert unsere gesamte Lektüre. Selbst Details, die erst einmal unschuldig erscheinen mögen, bekommen für uns einen doppelten Boden. An einer Stelle klagt Emma über das Wasser, das in ihre Dachkammer tropft und sie nicht schlafen lässt. In der Unaufhaltsamkeit des Wassers, das tropft und tropft, hören wir die Unerbittlichkeit, mit der ihre Vernichtung voranschreitet, und wir hören Emmas vollkommene Hilflosigkeit. […]“
(Gerhold, S.6f.)
Auch thematisiert Stefanie Gerhold in ihrem Vorwort, warum dieser historische Texte uns gerade heute wieder neu anspricht:
„Während ich an meiner Übersetzung arbeitete, ereignete sich am 7. Oktober 2023 der Überfall der Hamas auf Israel. […] Ich konnte nicht fassen, dass diese Übersetzung, die ich aus rein philologischem oder allenfalls historisch begründetem Interesse begonnen hatte, plötzlich für unsere Gegenwart eine neue Bedeutung bekommen sollte. Und so fuhr ich, um mir über die unerwartete Aktualität klar zu werden, ins Jüdische Museum, wo man infolge des Massakers auf den Kibbuz Be’eri eine im Jahr 2014 gedrehte zehnminütige Videoarbeit über ebendiesen Ort zeigte. […]
Der Film beginnt mit einer Luftaufnahme. Im Hintergrund erkennt man den dicht bebauten Gazastreifen, und rings um die Kibbuz-Siedlung sieht man viel leeres Land. Die Kamera kommt näher, und man sieht einfache Häuser, kleine Terrassen mit Plastikstühlen, Gartengerät. […] Das Video zeigt zunächst kein Leben, der Schauplatz bleibt leer und stumm, nur ein Gedicht begleitet die Sequenzen. Es handelt sich um ein Gedicht über die Gemeinschaft von Anadad Eldan, der in dem Kibbuz lebt. […]
Vermutlich haben alle, die vor diesem Video standen, sich gefragt, wer von den darin dargestellten Menschen überlebt hat und wer womöglich nicht. Und ich nehme auch an, dass alle sich gefragt haben, ob dieses Video etwas weiß, was die Künstler noch nicht wissen konnten. Ist der Leere nicht schon eine Bedrohung eingeschrieben? Ist in der Kamerafahrt, die sich aus unspezifischer Ferne nähert und sich am Ende des Films wieder entfernt, die heutige Verlassenheit des Orts vorweggenommen?
Nach meinem Besuch im Museum habe ich meine Übersetzung zu Ende geführt. Diese Fragen aber, inwieweit ein Werk eine Zukunftsahnung verströmt und was unsere rückwirkende Interpretation dazutut, beschäftigen mich weiter. Vielleicht gibt es auf sie keine Antwort. Vielleicht genügt die Feststellung, dass es sich lohnt, wenn wir uns mit solchen Dokumenten künstlerischen Schaffens immer wieder auseinandersetzen, weil es uns wach hält.“
(Gerhold, S. 17f.)
Es folgt ein Auszug der Übersetzung des Stückes. Sie können den Auszug an dieser Stelle lesen oder ihn herunterladen (Button unterhalb des Dokuments). Verlage oder Theater, die sich für das Stück interessieren, können sich an das deutschsprachige Komitee wenden (vieuloup@t-online.de). Wir stellen dann den direkten Kontakt zu Stefanie Gerhold her.
Max Aub, ICH WILL KEINEN TROST VON NIEMANDem

Foto: Stefanie Gerhold © Michaela Krause
Stefanie Gerhold arbeitet als Übersetzerin und Autorin. Für ihre Übersetzungen aus dem Spanischen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sie schreibt Essays zu interkulturellen Themen und hat das Hörspiel Come Back veröffentlicht. Vor kurzem erschien im Verlag Galiani ihr erster Roman Das Lächeln der Königin.
Links zu weiteren Texten über Stefanie Gerhold auf unserer Homepage:
Stefanie Gerhold über das Stück von Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg] / Info Juan Mayorga, HIMMELWEG / Übersetzung Stefanie Gerhold /
Vorstellung der Auswahl 2023 in Mannheim im Rahmen des Festivals STÜCK FÜR STÜCK /
https://eurodram.dev.goyippi.net/2023/10/05/vorstellung-der-auswahl-2023-beim-dramatiker-innenfestival-in-graz /
Geförderte Zusatzübersetzungen Auswahl 2023
Ein Gedanke zu „Neue Übersetzung von Stefanie Gerhold: Max Aub, Ich will keinen Trost von niemandem“