
Foto Thomas Troester: Juan Mayorga, Autor des Stückes Himmelweg und seine Übersetzerin Stefanie Gerhold bei der Diskussion am 19.11.2023 (Zoom)
Die Vorstellung der Auswahl 2023 des deutschsprachigen Komitees EURODRAM fand am 24. Juni 2023 in Graz und vom 17. bis 19. November 2023 am Theaterhaus G7 in Mannheim im Rahmen des Festivals STÜCK FÜR STÜCK statt.

Internetseite: Galina Franzen und Wolfgang Barth.
Die Stücke der Auswahl
Juan Mayorga, Himmelweg [Himmelweg], Madrid 2003; Übersetzung aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold, Berlin 2022
Neofelis Verlag, Berlin 2022 in: F. Muche / C. Heinrich [Hrsg.], Schattenschwimmer, neue Theatertexte aus Spanien; Aufführungsrechte: Hartmann & Stauffacher Verlag, Köln
María Velasco Gonzáles, Ich will die Menschen ausroden von der Erde [Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra], Madrid 2020, Übersetzung aus dem Spanischen von Franziska Muche, Berlin 2022
Freek Mariën, Der Mann im Tauchanzug [The Wetsuitman], Belgien 2019, Übersetzung aus dem Niederländischen von Barbari Buri, Deutschland 2020
De Nieuwe Toneelbibliotheek (Original) / Verlag der Autoren (Übersetzung)
Himmelweg, Juan Mayorga/Stefanie Gerhold

Juan Mayorga Foto Thomas Troester, Ausschnitt aus dem Zoom-Bildschirm W. Barth

Alle Fotos zu "Himmelweg": Thomas Troester

Eindringliche Lesung mit szenischen Elementen. Beinahe alle Textteile des durchaus umfangreichen Stückes können vorgetragen werden und vermitteln ein deutliches Inhaltsbild. Klare Regiestrukturierung und hervorragende SchauspielerInnenleistungen verbinden sich zu einem starken Erlebnis.

Die Aussprache ist geprägt von der Anwesenheit des Autors und seiner Übersetzerin über Zoom. Ihre Persönlichkeiten und Ernst und Tiefe der Auseinandersetzung bestimmen die Diskussion.
Juan Mayorga bringt zum Ausdruck, dass es ihn besonders freue, dieses Mal über Zoom dabei sein zu können, und bedankt sich bei EURODRAM und STÜCK FÜR STÜCK für die geleistete Arbeit. Stefanie Gerhold erläutert den Zusammenhang ihrer Beschäftigung mit den Stücken Mayorgas und ihrer Auswahl der durch den Deutschen Literaturfonds und EURODRAM neu geförderten Übersetzung.

Juan spricht über sein Stück [konsekutiv aus dem Spanischen gedolmetscht von Stefanie Gerhold]:
„Obwohl dieses Werk große narrative Passagen enthält, ist es mir von Anfang an ein Anliegen gewesen, Szenen zu schaffen, die theatralisch sind, die man auf der Bühne darstellen kann… Es war mir sehr wichtig, die zwei Eingangsmonologe – des Vertreters des Roten Kreuzes und des Lagerkommandanten – als Ansprache an das Publikum zu richten, das Publikum mit hineinzunehmen. Wenn der Vertreter des Roten Kreuzes sich für diesen Bericht rechtfertigt und erklärt, dass er nichts Ungewöhnliches an dieser Stadt erkannt hat, dann wendet er sich an die Menschheit. Das Publikum – ist die Menschheit. […]
Das Stück „Himmelweg“ umfasst vier große Themen. Erstens die Vernichtung der europäischen Juden – und das ist ein europäisches Thema, nicht allein ein deutsches, denn Europa hat die Juden im Stich gelassen. Das zweite große Thema ist die Unsichtbarkeit des Schreckens, wozu auch die Tatsache der Vertuschung gehört, aber auch das Verstecken der Vernichtungslager, die ganz bewusst in den unbewohnten Gegenden angelegt worden sind. Das dritte Thema: Die Manipulation der Opfer, die gezwungen werden, sich dem herrschenden Diskurs zu fügen. Und das vierte Thema ist, die Welt als Theater zu begreifen, weil jeder von uns in der Gesellschaft eine Rolle spielt. Aurélie und die SchauspielerInnen haben das ganz grandios rübergebracht. Jede Inszenierung, die ich gesehen habe, ist ein besonderer Moment. Hier öffnet sich dieses Stück. Das ist insgesamt ein sehr offen geschriebener Text. Ein Beispiel ist das Lied, das wir hier gehört haben, „Der Mond ist aufgegangen“. Es steht nicht im Text, welches Lied das sein soll. Jedes Theater, jedes Land, sucht sich in jeder Inszenierung ein eigenes Lied.“
Stefanie Gerhold zur Auswahl des Liedes: „Ich finde die Auswahl grandios. Denn dieses Lied hat auf diese Weise einen doppelten Boden, einen zweiten Sinn bekommen… Ich hatte Gänsehaut, als ich es hörte. Dieser harmlos romantische, schöne Text über die Naturidylle, der Wald, der schweigt, und der Nebel, der von den Feldern aufsteigt, thematisiert das Verbrechen, das Verdecken und das Verstecken.“

Ich will die Menschen ausroden von der Erde, María Velasco Gonzáles/Franziska Muche

Alle Fotos zu "Ich will die Menschen ausroden von der Erde": Miriam Stanke

Beide Dias: Björn Luithardt, Julija Komerloh, Irina Maier
Die Übersetzerin Franziska Muche zum Stück (Text der Tonaufnahme): „Mich bewegt der Text sehr… Maria, die Autorin, sagt selbst, sie sei sehr stolz auf das Stück. Sie kommt aus Burgos, das ist eine sehr katholische Gegend, besonders konservativ. ‚Talaré a los hombres de sobre la faz de la tierra’ wurde von María Velasco selbst 2020 in Spanien inszeniert und tourt seitdem durch das Land. María hat selbst dazu gesagt, sie möchte, dass das Stück so lange gespielt wird, bis es mit mehr Scham verbunden ist zu sagen ‚ich bin bei einer Sexarbeiterin gewesen‘, als zu sagen ‚ich bin Sexarbeiterin.‘ Das ist eigentlich die Essenz, mit ihr kann ich etwas anfangen.“

Die Übersetzerin Hedda Kage fügt hinzu: „Franziska hat María Velasco mit einem weiteren Text für unsere Anthologie vorgeschlagen [s. oben, Foto von Udo Eidinger] und beide Stücke wunderbar übersetzt. Maria hat wirklich eine Sprache gefunden, die dem Titel entspricht. Ein biblischer Titel. Für mich ist Maria Velasco eine der wichtigsten Autorinnen, ich halte sie für eine Prophetin des Theaters. Das sind die Stimmen, die bleiben werden. Es gibt viele gute Autorinnen, aber es gibt eben einige, die einen besonderen Wert haben, mit ihrem Namen verbindet sich ein besonderen Klang.“

Der Mann im Tauchanzug, Freek Mariën/Barbara Buri

Alle Fotos zu "Der Mann im Tauchanzug": Thomas Troester

Jana Nerz (Einrichtung) kurz vor der Aufführung:
Freek Mariën [konsekutiv aus dem Englischen gedolmetscht von Rita Böhmer]:
„Ich habe einen Artikel in der norwegischen Presse gelesen, der von einem ähnlichen Fall handelte. Die Geschichte ließ mich nicht mehr los, ich merkte, dass alles, was ich danach las, sich immer wieder mit der Erinnerung an diesen Artikel verknüpfte. Die Themen über Vorurteile oder Identität und alles Weitere hat sich immer wieder mit diesem Fall verknüpft.“

Udo Eidinger stellt fest, dass der erste Teil des Stückes wie ein Krimi wirkt, der humorvoll alle Erwartungen an das Genre bedient. Er möchte von Freek wissen, welche Rolle Humor für ihn spielt, ob er mit Absicht für dieses harte Thema einen „lockeren Einstieg“ gewählt habe.
Freek: „Vorurteile sind nicht nur ein Thema, man hat auch Vorurteile dem Genre gegenüber – ein skandinavischer Krimi, der witzig ist und das Publikum entspannt. Ich wollte mit den Erwartungen des Publikums spielen und sie als Werkzeug nutzen… Vier Akte gehen vier Fragen nach. Im ersten Akt wird gezeigt, wie man die anderen sieht. Was wissen nichts von ihnen, und das führt uns sehr schnell zu Klischees. So sind sie eben, diese Kriminalbeamten: Einer hat sogar einen Flachmann in der Tasche… Im zweiten Akt geht es schon darum, dass die Menschen sich sehr bewusst sind, wie sie wirken wollen, und diese Wahrnehmung beeinflussen. In den Interviews sieht man, wie sie sich darstellen. Im dritten Akt erfolgt eine Konfrontation damit, wie man gesehen wird. Da ist zum Beispiel ein Geflüchteter, der es schon geschafft hat, aber er hat sein Hemd zerknittert; er darf nicht ganz unnahbar wirken, denn er möchte Zugang zu denen, die aktuell noch im Flüchtlingslager wohnen. Über den vierten Akt soll es möglich sein, sich vorzustellen, wie der Mensch wirklich war, und es soll ein ehrliches Bild der Person entstehen. Deswegen habe ich den Weg über die Familie gewählt, die über den Verstorbenen spricht. […]
Und noch einmal zum Thema Humor im ersten Akt: Humor öffnet die Menschen und macht sie zugänglicher. Ich will das Publikum nicht verletzen, sondern es zugänglicher machen.“
Jana Nerz nach der Aufführung und der Diskussion:
Direkt nach der Diskussion äußerte sich Freek Mariën zum Stück und zur Diskussion:
Nachts im Ozean, Michel Decar

Alle Fotos zu "Nachts im Ozean": Miriam Stanke

Matthias Hecht, Fiona Metscher, Vincenzo Tatti (SchaupielerInnen) und Isabel Garcia Espino (Kostüm), Inka Neubert (Einrichtung), Philippe Mainz (Video & Sound)
Das Stück verbindet verschiedene Zeitebenen und Räume. Eine besondere Rolle spielten deshalb Bühnenbild und Ausstattung. Philippe Mainz und Isabel Garcia Espino äußern sich im Folgenden dazu [Tonaufnahme].
Philippe Mainz und Isabel Garcia Espino über ihre Entscheidungen zu Video, Sound, Requisite und Kostüm:

Freundlichkeit, Gelassenheit, Natürlichkeit und die bescheidene Haltung des Autors Michel Decar in der Zoom-Konferenz vermittelten der intensiven Aussprache eine besondere Atmosphäre. Sie geht auch der Frage nach, ob es zwischen den verschiedenen Raum- und Zeitebenen einen sich bedingenden logischen Konnex gibt. Auf der Bühne jedenfalls ist alles gleichzeitig und gleichberechtigt da, die Schauspieler wechseln nicht, das übergreifende Wellenbild, mal bestimmend, mal mehr im Hintergrund, unterstreicht diesen Aspekt. Michel Decar führt aus, dass dies seiner Intention entgegenkomme. Für ihn mischten sich die autobiographischen Züge und die fiktionalen Aussageebenen in gleicher Weise.
zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden, Svealena Kutschke

Foto Miriam Stanke: Marie Eberhardt, Vivian Schöchlin, Rouven Honnef, Fiona Metscher, Mounir Saidi

Text
Fotos Miriam Stanke: Marie Eberhardt, Vivian Schöchlin, Rouven Honnef, Fiona Metscher, Mounir Saidi

Fotos Miriam Stanke: Melanie Schmidt (Einrichtung), Philipp Bode (Moderation)
Melanie Schmidt, Regisseurin [Text der Tonaufnahme]: „Für mich war das der Zusammenhang, der das Ganze bestimmt, diese Situation, dass das alles in einem Wohnhaus spielt – ein sehr enger Raum, Wohnungen… die verschiedensten Personen, verschiedene Geschichten und Einstellungen, trotzdem verbringen sie ihr Leben zusammen. Sie merken, was die anderen Leute um sie herum tun, sie bewerten alles jeweils auf ihre eigene Art und Weise, aber sie leben zusammen. Und deshalb fand ich auch toll: sechs Tische, sechs Personen. Auf der Bühne waren es fünf Personen, die so eng zusammen sitzen und sich gar nicht bewegen können – zwischen anderen Personen.“
Inka Neubert, Theaterleiterin Theaterhaus G7 [Text der Tonaufnahme]: „Dann gibt es diesen Moment, in dem dieser Immigrant, um den man sich gekümmert hat, oder eben nicht gekümmert hat, nebenbei vernichtet wird und sich dadurch wieder eine Ordnung herstellt. Kolonialismus, die ganzen Themen, die dadurch aufscheinen… das ist ganz brutal. Das Stück hat ein ganz schreckliches Ende. Und der Egoismus der einzelnen Figuren ist kaum zu überbieten. Der Tunnelblick ist bei ihnen auch logisch, sie reden ja kaum miteinander, weil sie das gar nicht mehr können. Sie sehen nur noch sich und die eigenen Probleme. Das finde ich erschütternd. Das ist ein ganz toller, aber auch ein ganz furchtbarer Text…“
brand, Volker Schmidt

alle Fotos zu "brand": Miriam Stanke

Thore Baumgarten, Bernadette Schlottbohm, Maximilian Wex.

Maximilan Wex, Volker Schmidt (Autor), Bernadette Baumgarten, Pascal Wieandt (Einrichtung), Thore Baumgarten.
Volker Schmidt über sein Stück: „Ich habe zwei Töchter und ich habe überlegt, wie es für sie später sein wird. Wir reden sehr viel über die Zukunft. Ich dachte, es wäre schön, anstatt immer mit Zahlen zu sprechen, sich einfach vorzustellen, wie das sein wird… wie könnte das aussehen. Ich habe auch ein großes Interesse daran, dass die Phantasie mitspielen kann… Ich suche Herausforderungen, formale Herausforderungen, wie man Dinge erzählen kann. Und gerade dieser Widerspruch, ein Roadmovie, ein Movie, also einen Film auf die Bühne zu bringen, das war für mich eine Herausforderung.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Ja, ich glaube es ging wirklich um eine Auseinandersetzung bezüglich der Zukunft meiner Kinder. Ich habe versucht, das zu fassen, aber auch damit umzugehen. Ich glaube, es ist wichtig, einen aktiven Umgang mit den Dingen zu haben, die uns belasten, sie wie bei einer Psychotherapie zu erkennen, einer Sache ins Auge zu schauen. Die drei Personen des Stückes tun das am Ende. Je besser wir mit einer Sache umgehen können, desto eher können wir aktiv bleiben. […]
Und im Finale wird das Publikum hineingezoomt und wird selbst Teil des Spiels. Mir gefällt der Gedanke, dass Theater so eine Art Zeitkapsel sein kann… zukünftige Menschen schauen auf uns, das ändert die Perspektive.“
Das Foyer im Theaterhaus G7: Ein Ort der Kommunikation


Alle Fotos der folgenden Diashow: Miriam Stanke
Die Vorstellung der Auswahl 2023 des Deutschsprachigen Komitees EURODRAM wurde gefördert vom Deutschen Übersetzerfonds und Flanders Literature:


Das Festival Stück für Stück durch das Kulturamt der Stadt Mannheim, durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg (Siehe Danksagung auf dem Programmheft).












































