Fayer Koch im Gespräch mit Lorena Pircher über literarische Arbeit, Inspiration und das Werk “Anorexia Feelgood Songs”

Fotos: Autor*in Fayer Koch, © privat; Lorena Pircher, EURODRAM, © privat
Fayer Koch konnte bei der Vorstellung der Stücke der Auswahl 2024 beim DramatikerInnenfestival in Graz am 25.05.2024 nicht anwesend sein. Das Gespräch führte Lorena Pircher [Vorstellung siehe unten] nachträglich.
Vorstellung der Auswahl 2024 beim DrmatikerInnenfestival in Graz.

Lorena Pircher: Liebe*r Fayer, vielen Dank, dass wir dieses Interview mit dir führen dürfen! Herzliche Gratulation nochmals, dein Stück Anorexia Feelgood Songs ist neben Rike Reinigers 24 frames/sec und Caren Jeß´ Ave Joost vom deutschsprachigen Komitee EURODRAM mit der Auswahl 2024 prämiert und im Rahmen des Dramatiker:innenfestivals in Graz in Ausschnitten inszeniert und gelesen worden. Das Stück feierte aber schon vorher große Erfolge und ist im Rowohlt Theaterverlag erschienen.

Weshalb hast du dich entschieden, dieses Stück zu schreiben? Möchtest du über den Schreibprozess zu diesem Werk erzählen?

Fayer Koch: Als Teeanger*in war ich selbst magersüchtig. Ich bin als queere Person in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Menschen wie ich nicht vorkamen, und hab mich mit Männlichkeitserwartungen immer unwohl gefühlt. Gleichzeitig gab es für mich kein Entkommen – ich war noch zu jung, um von zuhause auszuziehen, kannte niemanden außerhalb meiner Heimatstadt und hatte dieses typische Teenager-Gefühl, dass niemand auf der Welt so sei wie ich. Mein Essverhalten war ein Versuch, in dieser Situation Handlungsmacht zu spüren, etwas – irgendetwas – zu kontrollieren.

Meine Magersucht endete mit Anfang zwanzig, aber als eine Art von Trauma trage ich die Erfahrungen natürlich bis heute in mir. Ich wollte von Anfang an über meine Erfahrungen schreiben, wusste aber intuitiv, dass ich Abstand brauchen würde, um die Krankheit als literarisches Material denken zu können. Ich musste das Thema also fast zehn Jahre ruhen lassen, bevor ich das Gefühl hatte, mit dem Sprechen beginnen zu können.

Im Schreiben habe ich dann versucht, die Frage nach dem Warum so gut es geht auszublenden. Es ist die erste Frage, die in jedem Gespräch über Magersucht fällt, und die Antwort ist langweilig und (zumindest in meinem Fall) größtenteils erwartbar. Stattdessen konzentrierte ich mich auf  den Umgang mit der Krankheit. Es ging mir also um die hilflosen Versuche des Umfelds, der Magersucht zu begegnen, und die hilflosen Versuche der Betroffenen, in der Erkrankung ihre Würde zu bewahren.

Lorena:  Anorexia Feelgood Songs ist ein beeindruckendes Werk, das vor dem Hintergrund von Sommerferien und jugendlicher Unbeschwertheit immer noch tabuisierte Themen benennt und episodenhaft das Leben eines Jungen porträtiert. Möchtest du etwas über die wichtigen gesellschaftskritischen Aspekte sagen, die dein Theaterstück aufzeigt? Welche Themen werden darin behandelt und verhandelt?

Fayer: Meine eigene Magersucht hing viel mit dem Wunsch zusammen, ein Mann zu sein, es aber einfach nicht richtig zu schaffen. Heute habe ich ein Vokabular und eine Community, um mich von diesen Erwartungen lösen zu können, aber damals drang alles ganz ungefiltert auf mich ein. Der Protagonist in Anorexia Feelgood Songs fühlt sich ganz und gar in den Erwartungen verloren. Seine harmoniebetonten Eltern sind unfähig, wirklich empathisch mit ihm zu sein, und auch den Freund*innen fehlen die Worte, um ehrlich über Ängste und Wünsche zu sprechen. So müssen alle Figuren in diesem Stück ihre Gedanken und Gefühle immer bloß umkreisen, jeder ehrliche Moment wird schnell wieder zugedeckt von der Illusion einer „heilen Welt“. In der Diskussion dessen, was ein richtiger Umgang mit der Krankheit sein könnte, wirft das Stück dann konkrete ethische Fragen auf: Wie kann sich ein Umfeld richtig verhalten? Bis zu welchem Punkt dürfen wir über unseren Körper selbst bestimmen, wenn unsere Entscheidungen selbstzerstörerisch sind?

Lorena: Faszinierend und äußerst gelungen habe ich neben der Dekonstruktion von stereotypen Männlichkeitsbildern und der Auseinandersetzung mit dem Körperlichen in deinem Stück auch den Einsatz eines musikalischen Rhythmus gefunden, den Einsatz der “Songs”, die im Titel benannt werden. Welche Rolle nimmt die Musik beim Schreiben deiner Texte ein, welche Rolle innerhalb deiner Texte?

Fayer: Während des Schreibens höre ich eigentlich konstant Musik. Schreiben ist eine ermüdende Tätigkeit für mich, ohne Musik habe ich das Gefühl, noch schneller in die Trägheit des blassen Computerbildschirms abzugleiten. Vielleicht sind deshalb meine Texte oft sehr rhythmisch. Speziell an Anorexia Feelgood Songs war für mich, dass ich mich im Prozess explizit Musik zugewandt habe. Ich hatte die Hoffnung, dass das leichte und unverbindliche Feeling von Pop Hits eine Erleichterung in der bedrückenden Thematik bieten könnte. Magersucht ist ja ein unglaublich deprimierendes Thema, wo es eigentlich kaum Erleichterung drin gibt. Deshalb war mir von Anfang an klar: Wenn ich über das Thema schreiben will, muss es gebrochen werden. Also gibt es jetzt Palmen, Sonne und eben auch die titelgebenden Feelgood Songs. Sie bilden eine Art unbeschwertes Hintergrundrauschen, ein kurzes Verschnaufen zwischen den Tränen – schöne Momente, die die Krankheit kontrastieren und sie dadurch noch klarer sichtbar werden lassen.

Lorena: Von welchen Emotionen, welchen Beziehungsgeflechten werden die Hauptfiguren in Anorexia Feelgood Songs geleitet? Welche Bedeutung haben Freundschaft und Solidarität?

Fayer: In Anorexia Feelgood Songs ist niemand böse. Alle haben die besten Absichten. Der Protagonist sagt es an einer Stelle selbst: Es gibt hier keine Missbrauchsstory. Keine Depression in der Familie. Kein Sportinternat. Das Umfeld ist fürsorglich und liebevoll. Doch gerade der reflektierte, betont gewaltfreie Umgang droht die Hauptfigur zu ersticken – die Normativität wirkt auch deshalb so stark, weil sie nicht benannt wird, weil oberflächlich alle sein können, wie sie wollen. Alles ist geglättet, die Rebellion hat keine Angriffsfläche und muss sich deshalb nach innen wenden.

Die Freund*innen des Protagonisten (die „Jungs“, wie er sie nennt) machen Mutproben, liegen am Kanal und trinken Alkohol. Sie sind durchaus solidarisch und rücksichtsvoll, aber eben auch gefangen in ihrer etwas unbeholfenen Art des Nicht- oder Nicht-wirklich-Kommunizierens.

Lorena: Ich habe gelesen, dass du auch erfolgreich Kurzprosa und Lyrik schreibst. Inwiefern würdest du sagen, dass das lyrische Schreiben dich in deiner dramatischen Arbeit beeinflusst? Oder sind das Schreiben von Poesie bzw. dramatischen Texten zwei völlig unterschiedliche kreative Ansätze für dich?

Fayer: Für mich ist das Schreiben von Lyrik und von Prosa ähnlich. Beides sind sehr verdichtete Formen. Ich denke ständig: Wie kann ich das, was ich sagen will, noch kompakter erzählen? Kann ich noch später in der Story einsteigen? Was kann übersprungen werden, was führt weg vom eigentlichen Kern?

Sowohl in Lyrik als auch in der Dramatik bekommt die Sprache selbst einen hohen Stellenwert. Ich feile manchmal ewig an einzelnen Formulierungen, sitze stundenlang vor dem offenen Dokument und habe letztlich nur einige Wörter in einem Satz umgestellt. Ich glaube, es ist ein lyrisches Arbeiten, ein Umgang mit Sprache wie mit einer schönen, aber auch delikaten Pflanze.

Drittens: Ich bin mit dem Internet aufgewachsen. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist nicht riesig. Ich verliere schnell das Interesse. Ich lese selten Romane. Vielleicht schreibe ich auch deshalb so gerne Theaterstücke: Ich bin relativ schnell wieder damit fertig.

Lorena: Wie würdest du sagen, findest du Inspiration für deine Stücke? In der Beobachtung der Gesellschaft, einer Analyse unserer Gegenwart, beim Lesen, in anderen Kunstformen, in dir selbst?

Fayer: Unterschiedlich. Anfang diesen Jahres habe ich ein Auftragswerk für das Theater der jungen Welt in Leipzig geschrieben. Dort wurde mir das Thema („Dinosaurier“) sowie die Zielgruppe („ab 6 Jahre“) vorgegeben. Ich habe dann überlegt, welche Themen und Fragestellungen mich rund um diese Vorgaben interessieren und habe einen Plot entwickelt, der vom Aussterben, dem Erinnern und transgenerationalem Trauma handelt.

Nun schreibe ich an einem Stück über rechte Männerwelten im Internet. Auf dieses Thema bin ich über Podcasts und Artikeln in Zeitungen gestoßen, habe mich dann in Internetforen registriert und mit der Recherche begonnen.

Generell ist das Finden von Themen für mich kein großes Problem, ich habe meistens mehr Ideen als Zeit. Die wirkliche Aufgabe besteht dann darin, unter verschiedenen Themen zu priorisieren und auszuwählen. Dabei helfen mir meine Freund*innen.

Lorena: Darf ich dich fragen, woran du derzeit arbeitest, was dein neuestes Projekt ist und welche Hauptthemen es umfasst?

Fayer: Gerade arbeite ich parallel an zwei Projekten: Das oben erwähnte Stück über Männer im Internet und außerdem eine Operette zum Thema „Friedliche Revolution“ und Wendezeit, die 2025 in Leipzig aufgeführt werden wird.

Lorena: Ich bedanke mich ganz herzlich für deine Antworten und deine Zeit, liebe*r Fayer!

Lorena Pircher

Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich und machte nach Abschluss eine Ausbildung zur Buchhändlerin. Sie lebt und arbeitet in Wien, schreibt Lyrik und Kurzprosa und übersetzt aus dem Italienischen und Französischen ins Deutsche.

Lorena Pircher ist Mitglied im deutschsprachigen Komitee EURODRAM.

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